Ko-kreative Produktentwicklung im Kita-Lab

© StKf, RBS / Fotograf: René Arnold
Wir wollen Kita-Teams unterstützen - und entwickeln dafür gemeinsam mit Erzieher:innen, Kita-Leitungen, Fachberatungen und Elternvertretungen neue Praxisangebote.

Schulentwicklung kennt inzwischen jeder. Aber Kitaentwicklung, also Team- und Organisationsentwicklung in Kindertageseinrichtungen, steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Ein gemeinsames Projektteam der Robert Bosch Stiftung und der Stiftung Kinder forschen hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Praxistransfer zu unterstützen und pädagogischen Fachkräften Impulse und Angebote zur Verfügung zu stellen, damit sie sich als aktive Gestalter:innen für die Kita-Entwicklung befähigt fühlen. Ein besonderes Produkt für die Kita-Praxis entsteht gerade im neu gegründeten „Kita-Lab 2023/24“ – ko-kreativ mit 25 Kita-Fachkräften, Kita-Leitungen, Fachberatungen und Elternvertreter: innen. Hier werfen wir mit euch einen Blick hinter die Kulissen.

Der Erfinder Thomas Edison sagte einmal: „Der Wert einer Idee liegt darin, ob sie genutzt wird.“ Das kann man bei der Produktentwicklung ganz gut sicherstellen, wenn man die spätere Nutzer:innengruppe vor, während und nach dem Produktentwicklungsprozess immer mal wieder um Feedback bittet. Wir wollten mindesten eines unserer Einstiegsangebote zur Team- und Kita-Entwicklung genau mit denjenigen entwickeln, die sie später auch nutzen werden: nämlich mit den pädagogischen Fach- und Leitungskräften in Kitas. Deswegen haben wir vergangenes Jahr im November 2023 das Kita-Lab gegründet und entwickeln seither mit 25 Vertreter:innen aus der Kita-Praxis Produktideen. Aus der Praxis für die Praxis!

Die Ausgangsfrage

Das neue Bildungsprodukt soll Kita-Teams in ganz Deutschlang befähigen, Veränderungen in ihrer Einrichtung – auch in Zeiten von Ressourcenmangel – selbstständig anzustoßen und zu gestalten. Denn Kitas sind seit Jahren mit stetig steigenden Anforderungen konfrontiert und kämpfen gleichzeitig mit wenig Personal und Zeit. Damit Kitas ihrer wichtigen Funktion als Bildungsorte gerecht werden können, brauchen pädagogische Fachkräfte und Kita-Leitungen Kompetenzen im Umgang mit Veränderungen nicht zuletzt, um gute frühe MINT-Bildung für nachhaltige Entwicklung in den Alltag integrieren zu können. Daher haben wir uns mit allen Teilnehmer:innen des Kita-Labs zum Auftakt im November 2023 folgende Ausgangsfrage gestellt:  Wie können im Kita-Alltag Möglichkeiten entstehen, Dinge anders zu machen, in Zeiten in denen Ressourcen begrenzt sind?

Die Methode

© StKf, in Anlehnung an: Hasso-Plattner-Institut
Grafische Darstellung des iterativen Design-Thinking-Prozesses

Im Kita-Lab arbeiten wir hauptsächlich mit der Methode Design Thinking. Denn sie sichert eine systematische Herangehensweise an Probleme aus allen Lebensbereichen, konkret: eine strukturierte Abfolge von Methoden, die es Teams ermöglicht, gemeinsam kreativ Lösungen für Probleme zu finden. Dabei wird der Fokus auf diejenigen gerichtet, die von dem Problem betroffen sind. Damit eignet sich Design Thinking hervorragend für unser Vorhaben. Darüber hinaus ist der Prozess darauf ausgelegt, möglichst viele verschiedene Perspektiven einzubeziehen, möglichst viele, ungewöhnliche und visionäre Ideen hervorzubringen und möglichst früh Feedback anhand von prototypischen Umsetzungen der Ideen einzuholen.

Die Teilnehmer:innen

Im Juni 2023 startete unsere deutschlandweite Akquise, um möglichst unterschiedliche Stakeholder aus der Kita-Praxis für unsere Workshops zu gewinnen. Das Interesse an einer Teilnahme war sehr groß und so haben uns innerhalb kürzester Zeit weit mehr Anmeldungen erreicht als wir Plätze zu vergeben hatten. Das hat es uns sehr leicht gemacht eine bunt gemischte Gruppe von 25 Personen zusammen zu stellen, die sich zum Großteil aus pädagogischen Fachkräften und Kita-Leitungen zusammensetzt. Darüber hinaus sind Vertreter:innen von Trägern, Fachberatungen, Personen aus dem Bereich der Hochschul- sowie Weiterbildung und Elternvertretungen mit dabei. Die Gruppe der Teilnehmenden ist sehr durchmischt. Sie kommen aus verschiedenen Regionen in ganz Deutschland, unterscheiden sich in Alter und Qualifizierung. Auch die Größe und Art der jeweiligen Träger und Einrichtungen variieren. Die Personen, denen wir leider keinen Platz anbieten konnten, gewannen wir zum Großteil als Feedbackgeber:innen für einen späteren Zeitpunkt im Prozess.

Der Prozess

Herzstück des Kita-Lab sind drei Workshops, in denen ko-kreativ mit pädagogischen Fachkräften, Kita-Leitungen und anderen Akteur:innen aus der frühen Bildung neue Angebotsideen entstehen. Zwei Workshops haben bereits stattgefunden.

Zeitplan für die ko-kreative Produktentwicklung im Kita-Lab

Workshop 1
Der erste Workshop fand am 9. November 2023 in den Räumlichkeiten der Robert Bosch Stiftung in Berlin statt. Der Schwerpunkt lag darauf, den Problemraum zu erkunden. Zunächst haben die Teilnehmer:innen in vier Teams von 6-7 Personen ein gemeinsames Verständnis für die zentralen Begriffe unserer Fragestellung entwickelt: Kita-Alltag, Dinge anders machen und begrenzte Ressourcen. Durch regen Austausch im Team und indem sie sich gegenseitig interviewt haben, konnten unsere Teilnehmer:innen verschiedene Perspektiven zusammentragen und einen empathischen Einblick in die Welt einzelner Fachkräfte gewinnen.

© Stiftung Kinder forschen
Das Sichtbarmachen von AHA-Momenten ist ein wichtiger Schritt bei der Produktentwicklung.

In einer gemeinsamen Auswertung der Interviews wurden zum Ende des ersten Workshops spannende Erkenntnisse und Aha-Momente festgehalten. Zum Beispiel waren wir überrascht zu erfahren, dass das Teilen von Fehlern im Team zu mehr Vertrautheit und Offenheit unter den Kolleg:innen geführt hat. Oder dass Personen, die auch unter widrigen Umständen die Stärken in Menschen und die Chancen in Situationen erkennen, andere mitreißen und motivieren können. Die Geschichte eines frustrierten Kita-Teams, das sich mit einem Mini-Projekt wieder aus der Starre und Unzufriedenheit herausgearbeitet hat, hat uns gezeigt, dass von den eigenen Ansprüchen zurückzutreten und sich ein kleinstmögliches Projekt vorzunehmen, eine größere Wirkung haben kann, als man am Anfang vermutet. Wenig überraschend, dafür umso deutlicher wurde, dass viele Fachkräfte sich nicht ausreichend  gesehen fühlen, was ihren Beitrag an der Bildungsarbeit für Kinder aber auch für die Gesellschaft angeht.

Die Kita ist der erste Bildungsort und legt den Grundstein für Werte und Demokratie. Diese Erkenntnisse dienten dem Projekt-Team als Grundlage, um vier vielversprechende Handlungsfelder für die im nächsten Workshop anstehende Ideenentwicklung zu identifizieren:

  1. Wie können wir Kita-Teams Möglichkeiten an die Hand geben, um sichtbar zu machen, was sie im Bereich der frühen Bildung und für die Gesellschaft leisten?
  2. Wie können wir Kita-Teams unterstützen, die psychologische Sicherheit im Team so zu erhöhen, dass eine neue Fehlerkultur und eine neue Kultur des Ausprobierens entsteht?
  3. Wie können wir Kita-Team unterstützen, sich ihrer Stärken und Ressourcen (individuell, personell, räumlich etc.) bewusst zu werden, um daraus Energie und Motivation für ihre Arbeit zu schöpfen?
  4. Wie können wir Kita-Teams unterstützen, Vorhaben lieber weniger, kleiner, langsamer, flexibler als gar nicht umsetzen, um Selbstwirksamkeit und Sinn zu erleben, ohne den Anspruch an die Qualität aufgeben zu müssen?

Workshop 2
Der zweite Workshop fand am 29.02. und 01.03.24 wieder in Präsenz statt. Während dieser zweitägigen Veranstaltung haben wir das Wörtchen „Aber“ aus unserem Vokabular gestrichen und mit einer „Ja-und“-Haltung zahlreiche Ideen zu den obenstehenden Fragen entwickelt. Dabei kamen verschiedene Kreativtechniken zum Einsatz und wir haben uns zum Beispiel gefragt, wie Kitas diese Probleme wohl in 100 Jahren lösen und welche Ideen Kinder vielleicht besonders gut finden.
Um herauszufinden, ob diese Ideen wirklich den Nerv der Kita-Praxis treffen, braucht es Rückmeldungen. Und um diese Ideen möglichst schnell für Feedbackgeber:innen greifbar zu machen, wurden diese von den Teilnehmer:innen als kleines Modell umgesetzt, sogenannte Prototypen. So können Menschen Ideen direkt in die Hand nehmen und ausprobieren und viel besser beurteilen, ob sie diese nutzen würden oder eben nicht.

Ausblick

Nach der Ideenentwicklung und dem ersten Prototyping folgt nun der erste große Praxistest. Bis Juni 2024 holen wir Feedback aus der Praxis zu den Produktideen ein. Im dritten und letzten Workshop präsentieren wir dann die Ergebnisse der Test-Phase und wählen die vielversprechendste Produktidee aus. Im Winter 2025 soll das neue Alltagsangebot für Kita-Teams fertig produziert und verfügbar sein.

Portrait von Jasmin Hihat
Autor/in: Jasmin Hihat

Kinder sollen die bestmögliche Bildung erhalten und in einem resilienten Umfeld stark werden! Deshalb freue ich mich, als Kommunikationsreferentin im Bereich Kita-Projekte dabei mitzuhelfen, Deutschlands Erzieher:innen bei ihrer persönlichen und pädagogisch-fachlichen Weiterentwicklung zu unterstützen.

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