Zündeln, bis der Funke der Begeisterung überspringt
Gisela Glathe ist Vorsitzende der Elterninitiative Kiga Waldhäusl e. V. – der ersten Einrichtung in Deutschland, die jetzt zum zehnten Mal als “Haus, in dem Kinder forschen" zertifiziert wurde. Zusätzlich arbeitet sie als Trainerin für die Stiftung Kinder forschen und erzählt hier, was Forschen mit Funken und Zündeln zu tun hat.
Alles begann 2005 mit dem Sächsischen Bildungsplan, der erstmals vorsah, die naturwissenschaftliche Bildung stärker in Kitas zu verankern. Für uns pädagogische Fachkräfte in den Kitas war das damals ein Novum.
Ich war zu dieser Zeit als Fachberaterin in Dresden tätig und habe nach Möglichkeiten gesucht, wie wir uns in diesem Bereich fortbilden können. Schließlich sind wir nach Berlin gefahren und haben in einer Bildungswerkstatt an Fortbildungen mit einer sehr netten Kursleiterin Namens Katrin Weber teilgenommen. Irgendwann sagte sie: “Ich gehe jetzt woanders hin, zum Haus der kleinen Forscher.” Und wir sind mitgegangen.
Wir sind immer wieder gern nach Berlin gefahren, denn die Veranstaltungen waren unglaublich wertvoll. Besonders das persönliche Miteinander, der Austausch und unser gestärktes Selbstbewusstsein für MINT-Themen haben uns begeistert: Wir haben gelernt, mit Kindern zu entdecken und zu forschen, ohne sofort die perfekte Antwort liefern zu müssen. Das hat uns viel Kraft und Sicherheit gegeben.
Die Erfinderkiste – 300 Quadratmeter Platz zum Entdecken und Forschen
Als Träger haben wir uns dann irgendwann gefragt, wo wir den Kindern den Raum für ihre Entdeckungen geben können? Im Alltag ist es oft so, dass Materialien hoch oben in Regalen stehen. Die Kinder müssen dann fragen und warten, bis jemand Zeit hat – und Zeit ist im pädagogischen Bereich bekanntlich rar.
Deshalb haben wir die Erfinderkiste gegründet: einen 300 Quadratmeter großen Forschungsraum. Dort finden sowohl Fortbildungen für Pädagog:innen statt als auch gemeinsame Forschungsangebote mit Kindern.
Alle Regale befinden sich auf Augenhöhe der Kinder. Sie können selbstständig nehmen, was sie für ihre Ideen brauchen. Wir haben nur eine Regel vereinbart: Alles, was benutzt wird, kommt anschließend sauber zurück an seinen Platz. Das funktioniert erstaunlich gut.
Hier forscht nicht nur unsere Kita, sondern auch Einrichtungen aus der Umgebung – sogar aus Tschechien. Die Kinder bringen ihre Forschungskarten mit, die Karten der Stiftung Kinder forschen, nur eben ins Tschechische übersetzt.
2021 haben wir außerdem den Deutschen Kita-Preis gewonnen – als Bündnis. Ausschlaggebend war unter anderem, dass wir so viele Kitas einladen und auch die Eltern aktiv einbinden. Sie können am Wochenende gemeinsam mit ihren Kindern forschen oder an den MINTmachtagen teilnehmen. Dann forschen wir eine ganze Woche lang und motivieren auch die Familien zum Mitmachen.
Und das alles stemmen wir seit 20 Jahren, ohne dafür einen Pfennig extra zu bekommen – als Verein, als Elterninitiative Kiga Waldhäusl e. V.
"Man muss die Funken sprühen lassen. Begeisterung verbreiten."
Das alles ist ziemlich aufwendig. Wir beantragen Fördermittel, motivieren Mitarbeitende immer wieder neu und organisieren vieles ehrenamtlich. Aber es lohnt sich. Das ist etwas Gutes für die Gesellschaft. Deshalb mache ich das so gern. Ich sage immer: Man muss die Leute anzündeln. Die Funken sprühen lassen. Begeisterung verbreiten.
Ich selbst bin begeistert und fasziniert vom Entdecken und Forschen – und genau diesen Funken möchte ich in den Fortbildungen bei andere Pädagog:innen entfachen. So können sie ihre Begeisterung wiederum in ihren Einrichtungen an die Kinder weitertragen.
Besonders freue ich mich, wenn junge Familien kommen und genau aus diesem Grund ihre Kinder im Waldhäusl anmelden: weil es eine Forscher-Kita ist.
"Was immer funktioniert? Schleim herstellen! Die Eltern werden wahnsinnig – aber die Kinder lernen dabei enorm viel."
Gisela Glathe
Ich sehe jeden Tag, wie sehr das Entdecken und Forschen Kinder stärkt. Nehmen wir nur die Schleimherstellung: Jedes Jahr entwickeln die Kinder hunderte neue Rezepturen. Die Eltern werden manchmal wahnsinnig, weil sie zu Hause ständig neue Zutaten besorgen müssen.
Aber wenn man beobachtet, was auf dem Weg zum perfekten – oder eben nicht perfekten – Schleim alles passiert, erkennt man schnell den pädagogischen Wert. Die Kinder probieren aus, vergleichen, verändern, beobachten und entwickeln eigene Lösungen. Dabei trainieren sie wichtige Denk- und Handlungsprozesse.
Ich sehe außerdem, dass viele Kinder sensorische und motorische Unsicherheiten haben. Manche möchten Dinge nicht anfassen oder haben Schwierigkeiten mit feinmotorischen Tätigkeiten. Wenn sie jedoch konzentriert mit Pipetten hantieren, Flüssigkeiten mischen oder Materialien erfühlen, trainieren sie ganz nebenbei ihre Motorik und Wahrnehmung. Später fällt es ihnen oft leichter, einen Stift zu halten oder sich länger auf Aufgaben zu konzentrieren.
Das habe ich am “Haus der kleinen Forscher” – heute Stiftung Kinder forschen – immer besonders geschätzt: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse hatten stets einen konkreten Bezug zum Alltag der Kinder. Deshalb sind wir seit so vielen Jahren dabei.