Warum Kinder schweigen – Tipps zu selektivem Mutismus

© Christoph Wehrer / Stiftung Kinder forschen
Dass ein Kind in bestimmten Situationen mit Personen oder an gewissen Orten nicht spricht, kann viele Gründe haben.

Schweigen kann bei Kindern viele Gründe haben: Schüchternheit, Ängstlichkeit oder fehlende Sprachkenntnisse. Ein anderer Hintergrund für schweigsames Verhalten, der verstärkt bei Kindern mit Fluchterfahrung auftreten kann, ist selektiver Mutismus. Gemeinsam mit der Sonderpädagogin Katja Subellok haben wir Wissenswertes und Tipps zum Umgang damit zusammengestellt.

Menschen, die mit Kindern arbeiten, wissen: Der Einzelfall kann selten verallgemeinert werden. Umgekehrt treffen die folgenden Beobachtungen und Tipps natürlich nicht auf jeden Einzelfall zu, sie sollen eine Annäherung sein. Denn obwohl es nicht Aufgabe der pädagogischen Fachkräfte sein kann, "echte" psychologische Symptome fachgerecht zu erkennen und zu behandeln, müssen sie dennoch darauf reagieren.

Die Expertin

Ein Portraifoto von Katja Subellok.
© privat

Katja Subellok leitete von 2008 bis 2022 das sprachtherapeutische Ambulatorium der Technischen Universität Dortmund. Einer ihrer Schwerpunkte ist der selektive Mutismus.
(Das Interview wurde bereits im August 2016 veröffentlicht. Letzte Aktualisierung: März 2026)

Was ist selektiver Mutismus?

Von selektivem Mutismus spricht man, wenn ein Kind in bestimmten Situationen mit bestimmten Personen oder an bestimmten Orten nicht spricht, obwohl es grundsätzlich dazu in der Lage ist. Wann die betroffenen Kinder schweigen, mit wem sie schweigen oder an welchem Ort, ist von Kind zu Kind unterschiedlich. So kann es zum Beispiel sein, dass ein Kind im Kindergarten schweigt, im anonymen Umfeld und zu Hause dagegen normal spricht. Oder es spricht nur mit den Großeltern, wenn ein Geschwisterkind anwesend ist; trifft es die Großeltern jedoch allein, verstummt es. Meistens tritt selektiver Mutismus in Übergangsphasen auf, vor allem mit dem Eintritt in den Kindergarten oder mit dem Übergang in die Schule.

Etwa 0,7 bis 1 Prozent der einsprachigen Kinder sind davon betroffen. Bei mehrsprachigen oder Kindern mit Fluchterfahrung vermuten Experten:innen einen höheren Anteil. Im Gegensatz zu posttraumatischen Belastungsstörungen sind die Schweigesymptome konstant. Sollten die Symptome wechselhaft sein und das Kind durch starke Stimmungsschwankungen auffallen, könnte es sich auch um eine posttraumatische Belastungsstörung handeln.

Was sind Ursachen für selektiven Mutismus?

Es gibt verschiedene Risiko-Faktoren. In der Hälfte der Fälle sind die Hintergründe für selektiven Mutismus Sprachentwicklungsstörungen, Mehrsprachigkeit oder andere sprachliche Erschwerungen. Auch die familiäre Lernumgebung, also die aktuelle Lebenssituation des Kindes, kann einen Einfluss haben. Das trifft besonders zu, wenn sich das Kind in einem neuen Land mit fremder Kultur und neuer Wohnsituation zurecht finden muss. Auch eine genetische Veranlagung zur sozialen Ängstlichkeit und Schweigsamkeit kann selektiven Mutismus verursachen, in diesem Fall hatte ein Elternteil in der Vergangenheit oftmals ähnliche Probleme. Selektiver Mutismus kann in Kombination mit anderen Symptomen auftreten, zum Beispiel Problemen beim Einhalten von Stuhl und Urin.

© René Arnold / Stiftung Kinder forschen

Wie erkenne ich selektiven Mutismus?

Es muss eine spezifische Situation oder Konstellation vorliegen, in der das Kind nicht spricht, in der Sprechen aber normalerweise erwartet wird. Das Schweigemuster folgt meistens einer kindlichen Logik, die wir nicht unbedingt nachvollziehen können, die das Kind aber auch auf Nachfrage nicht erklären kann. Das Schweigen kann wie eine Sprechblockade verstanden werden, vergleichbar mit einer Angstattacke, die plötzlich einsetzt. Wichtig ist es, gut zu beobachten und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, da es normal sein kann, dass Kinder in Übergangsphasen anfangs nicht sprechen. Diese Phase kann bei einsprachigen Kindern bis zu zwei Monate, bei mehrsprachigen Kindern bis zu einem halben Jahr dauern. Bei Kindern mit Fluchtgeschichte könnte es sogar noch länger sein.

Worauf sollte ich bei der Beobachtung des Kindes noch achten?

Sitzt das Kind die meiste Zeit auf seinem Platz, legt seinen Kopf auf die Arme und isoliert sich? Mit wem spricht es nicht und mit wem schon? Vielleicht spricht es bereits mit Kindern, wenn es sich unbeobachtet fühlt? Gibt es vielleicht Phasen oder Situationen, in denen das Kind teilnimmt, lächelt oder doch mit den anderen spielt? Selbst wenn es nur beobachtet, ist das ein gutes Zeichen. Ich sollte herausfinden und einschätzen, wie weit es sprachlich schon ist. Vielleicht ist ein sprachlicher Rückstand ein Grund für sein Verhalten. Es kann helfen, mit anderen pädagogischen Fachkräften zu sprechen und herauszufinden, wie sie das Kind einschätzen oder wie es sich verhält, wenn es sich unbeobachtet fühlt. Sollten keine positiven Veränderungen erkennbar sein, ist es sinnvoll mit den Eltern zu sprechen. Durch die Eltern kann man erfahren, ob das Kind zu Hause ganz normal spricht, ob die Eltern das Verhalten kennen oder ob es vielleicht andere Personen gibt, bei denen das Kind spricht.

© Christoph Wehrer / Stiftung Kinder forschen

Das Kind nickt lediglich oder schüttelt den Kopf. Sollte ich meine Fragen entsprechend anpassen?

Wenn das Kind sich so nonverbal äußert, helfen geschlossene Fragen durchaus. Eine gute Möglichkeit, um herauszufinden, was das Kind möchte, sind Entscheidungsfragen: Möchtest du das oder möchtest du lieber das? Dabei ist es sinnvoll, mehrere Alternativen anzubieten. Nutze gern auch andere Kommunikationsformen, zum Beispiel ein Ankreuzsystem mit verschiedenen Smileys, um herauszufinden, wie sich das Kind fühlt – manche Kinder kreuzen lieber etwas an als den Kopf zu schütteln oder zu nicken. Für typische Alltagssituationen können Sie auch Bildkarten nutzen, zum Beispiel: "Toilette", "Ich habe Durst", "Ich habe Hunger". Die Karten können Sie auch bei den anderen Kindern einsetzen, sodass das Kind nicht zum Sonderling wird: Wenn ein Kind der Gruppe auf die Toilette muss, zeigt es einfach die Symbolkarte.

Sollte ich so tun als würden wir miteinander sprechen?

Ich sollte dem Kind vor allem stets signalisieren: Ich weiß, dass du sprechen kannst. Vorausgesetzt natürlich, dass ich mir dessen sicher bin. Ich kann also auch mit dem Kind reden, als gäbe es mir Antworten, zum Beispiel indem ich etwas kommentiere, das es tut oder das wir gemeinsam tun. Dabei sollte ich dem Kind nichts in den Mund legen, doch ich darf Vermutungen äußern: "Ich glaube, du möchtest jetzt gerne malen. Stimmt das?" Wenn das Kind dann den Kopf schütteln sollte: "Ups! Da hab ich mich dann wohl vertan! Dann muss ich wohl weiter überlegen." 

Das Wichtigste überhaupt ist, irgendwie erfolgreich mit dem Kind zu kommunizieren – wenn auch nicht sprachlich.

Das Kind spricht mit anderen Kindern, aber nicht mit den pädagogischen Fachkräften. Darf ich ein Kind “übersetzen” lassen?

Natürlich! Das kann ich individuell mit den Kindern verhandeln. Ich kann vorschlagen, dass das selektiv mutistische Kind einem vertrauten Kind seine Wünsche, Fragen oder Bedürfnisse ins Ohr sagt und der "Übersetzer" oder die "Übersetzerin" mir diese dann mitteilt. Beide Kinder müssen natürlich Lust darauf haben. Außerdem sollte ich darauf achten, dass das helfende Kind nicht zu übereifrig wird und gewissermaßen eine "Vormundschaft" für das mutistische Kind übernimmt. Im Prinzip kann diese Methode das schweigende Kind aber vorübergehend sehr entlasten.

Das Kind spricht offen und viel mit Gleichaltrigen, verstummt aber, wenn ich dazu stoße. Habe ich etwas falsch gemacht?

Nimm das Schweigen niemals persönlich, dann hast du schon verloren! Es hat nichts mit dir zu tun, das Verhalten des Kindes folgt einem ganz anderen Prinzip. Ich kann mich an eine pädagogische Fachkraft erinnern, nennen wir sie Frau Schmidt, die wollte, dass der kleine Manuel an seinem letzten Kita-Tag "Tschüß, Frau Schmidt" sagt. Das hat er nicht getan – und in der Grundschule hat er dann gesprochen. Und trotzdem hat das nichts mit seiner Erzieherin zu tun. Manuel hatte sein Schweigen sozusagen in der Kita "deponiert". Hier hatte sich sein Verhalten erst manifestiert und die Kita blieb von da an der Ort seines Schweigens. Schon allein weil Manuel nicht abschätzen konnte, wie die Erzieher:in reagiert hätten, wenn er auf einmal gesprochen hätte. Beim Übergang in die Schule konnte er sprechen, weil er dort niemanden kannte und keiner ihn – ein neuer Anfang. Ein Orts- oder Milieuwechsel kann bei selektivem Mutismus helfen.

© Christoph Wehrer/ Stiftung Kinder forschen

Das Kind flüchtet vor Unterhaltungen und versteckt sich. Wie gehe ich damit um?

Wenn ich merke, dass es sich unwohl fühlt oder flüchtet, kann ich ihm einen eigenen Platz in der Kita einrichten. Ich kann dem Kind sagen: "Dieser Platz ist nur für dich und ich sorge dafür, dass du hier allein bist und dir keiner etwas tut. Du kannst dich auf mich verlassen." Der Ort kann etwas Symbolisches sein, zum Beispiel ein geschmückter Stuhl oder ein großes Tuch, auf das sich das Kind setzen kann. Diese Regel sollte ich mit den anderen Kindern absprechen – wenn möglich, richte ich auch für sie einen oder mehrere "sicherere Plätze" ein. Bei einem mutistischen Kind geht es nicht darum, zu beruhigen, sondern sein Verhalten zu verstehen und darauf einzugehen. Wenn das Kind flüchtet, fühlt es sich unsicher und überfordert. Es flüchtet in Sicherheit und versteckt sich. Sage niemals: "Du brauchst doch keine Angst haben! Hier tut dir niemand was!" Das wäre eine Verleugnung seiner Angst. Das Kind will in seiner Angst wahrgenommen und gesehen, also verstanden werden.

Wie erkläre ich den anderen Kindern aus der Gruppe, dass das Kind nicht spricht?

Wenn die anderen Kinder fragen, würde ich das transparent machen und dabei betonen, dass das Kind schon sprechen kann. Etwa: "Manuel spricht zu Hause mit seinen Eltern und Geschwistern ganz normal. Mit uns spricht er noch nicht, aber das wird er bestimmt bald tun." Ob man das im Beisein des selektiv mutistischen Kindes tut, würde ich vom eigenen Gefühl für das Kind und die Gruppe abhängig machen.

Hilfe:

Sollte das mutistische Kind keine positive Entwicklung zeigen oder sich das Schweigen sogar verfestigen, findest du bzw. die Eltern des Kindes bei diesen Adressen professionelle Hilfe:

Portrait von Noel Balzer
Autor/in: Noel Balzer

Ich bin Referent für Marketing & Digitale Weiterentwicklung. In der Schule habe ich mich oft gelangweilt. Heute weiß ich, dass das nicht sein muss. Die Arbeit in der Stiftung Kinder forschen ermöglicht es mir, zu einem besseren Bildungssystem beizutragen und Unterricht spannender zu gestalten. Das motiviert mich jeden Tag.

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