Von der Becherlupe zur Arktis-Expedition
Die Neugier auf ihre Umwelt und den Ozean packte Emilia Lagos Kalhoff schon früh. In der Kita experimentierte sie mit Wasser, als Schülerin schrieb sie kleine Geschichten über das Meer und beim Studium in Spitzbergen erforschte sie den Boden der Arktis, um Klimaveränderungen besser zu verstehen. Mit der jungen Forscherin sprach ich über Kindheitserinnerungen, prägende Momente und darüber, wie wichtig genügend Freiraum und Bestärkung sind, um die eigenen Träume zu verwirklichen.
Eisschollen ziehen an ihr vorbei, gewaltige Gletscherfronten ragen aus dem Wasser – und irgendwo am Ufer steht ein Eisbär. An Bord eines Forschungsschiffs fährt Emilia im Auslandssemester durch das arktische Meer und untersucht Sedimentbohrkerne – Zeitzeugen früherer Umwelt- und Klimabedingungen. Die weiß-blau glitzernde Landschaft beeindruckt sie so sehr, dass sie darüber sogar ihre Seekrankheit vergisst. „Das war für mich das prägendste Naturerlebnis, das ich bisher erfahren durfte“, schwärmt sie. „Dabei habe ich wirklich gemerkt: Hier bist du richtig. Das ist, was du machen möchtest – den Ozean erforschen!“
Die Welt entdecken – von Anfang an
Schon als Kind zog es Emilia viel nach Draußen. Mit einer Becherlupe in der Hand ging sie auf Entdeckungstour. Wälder und Wiesen wurden zu ihrem Forschungslabor. „Ich habe damals Insekten und andere Dinge gesammelt und beobachtet“, erzählt sie. Während sie das sagt, wirkt sie selbst kurz überrascht, wie deutlich sie das Bild ihrer Lupendose wieder vor Augen hat. An ihre frühe Kindheit kann sie sich eigentlich kaum erinnern. Doch zwei Fundstücke, die ihre Mutter kürzlich wiederentdeckt hat, zeigen: Die Neugier trieb sie schon früh an.
Damals besuchte Emilia den Kindergarten „St. Josef“ in Heiligenhaus. Die Montessori-Kita des Caritasverbands nahm 2009 am ersten „Tag der kleinen Forscher“ teil – heute bekannt als MINTmachtage. Aus dieser Zeit hat Emilia ein Forscherdiplom und eine Urkunde. Darauf steht: „Du hast mit viel Freude und Interesse an der Forscher-AG teilgenommen und viel über das Element Wasser gelernt.“ Vielleicht ist es kein Zufall, dass die heute 22-Jährige inzwischen die Weltmeere studiert.
Faszination für das Verborgene
„Ich habe das Meer schon immer geliebt“, sagt sie. „Dieser Ort ist für mich sehr faszinierend: Er strahlt Ruhe aus und birgt zugleich unglaublich viele Geheimnisse. Wir wissen extrem wenig über die Tiefsee, dabei ist sie ein riesiges Ökosystem. Aus Forschungssicht gibt es hier noch viel zu entdecken.“
Ihre Begeisterung für Naturwissenschaften begleitete Emilia durch die gesamte Schulzeit. Besonders faszinierte sie die Chemie. „Ich fand Experimente einfach spannender als reines Auswendiglernen“, erinnert sie sich. „Chemie ist super relevant, weil sie überall drinsteckt und dabei so klein und unsichtbar erscheint.“ Als sie einmal einem Lehrer erzählte, sie wolle Chemie studieren, reagierte dieser überrascht und bemerkte, das sei aber mutig. „Das zielte wohl darauf ab, dass ich eine Frau bin und dass es ein anspruchsvolles Studium ist“, sagt Emilia.
Entmutigen ließ sie sich davon jedoch nicht. Ihr Wunsch, etwas Sinnvolles zum Umweltschutz beizutragen, war stärker. Dabei führte sie ihr Weg über mehrere Stationen: von Essen nach Osnabrück, weiter nach Tübingen und schließlich nach Oldenburg. „Ich habe ein paar Umwege genommen und häufiger den Studiengang gewechselt“, sagt sie und lacht. „Man muss sich erst hier und da ausprobieren, bis man merkt, was am besten zur eigenen Vorstellung passt.“
Neugier, die Geschichte schreibt
Als Teenagerin wollte Emilia Schriftstellerin werden. Schon in der Grundschule erfand sie erste Geschichten. „Ich habe aber irgendwann gemerkt, dass ich am liebsten ganz frei und ohne Druck schreibe. Deshalb ist es schließlich ein Hobby geblieben.“ Bis heute schreibt sie viel in ihrer Freizeit, verfasst Romane, Kurzgeschichten und Gedichte. Die Expedition in der Arktis inspirierte sie sogar dazu, ein Kinderbuch über den Klimawandel zu schreiben. „Die Geschichte erzählt von einer Eisbärin, die bemerkt, dass sich ihre Umgebung verändert. Sie beginnt sich zu fragen, wie es wohl an anderen Orten der Welt aussieht und warum sich alles wandelt. Also schreibt sie Postkarten an Tierfreunde in verschiedenen Regionen der Erde – und diese berichten dann von den Veränderungen in ihren Lebensräumen, aus vielen Perspektiven“, beschreibt die junge Autorin ihr Buch.
Es sind genau diese Themen, für die Emilia brennt – die ganz großen Herausforderungen unserer Zeit: Klimawandel, Biodiversitätsverlust und die Erforschung der Meere. „Ich möchte verstehen, wie Umwelt, Klima und die Ozeane miteinander zusammenhängen und zu Lösungen beitragen, die wirklich helfen können.“
Ich hatte schon immer viele Fragen und meine Wissbegierde wurde von vielen Seiten gefördert
Emilia Lagos Kalhoff, Studentin
Heute studiert Emilia Marine Umweltwissenschaften im Master. Das Studium in Oldenburg verbindet die Fachbereiche Chemie, Biologie und Physik – interdisziplinär und mit direktem Bezug zur Forschung. Die ideale Mischung für die wissbegierige junge Frau, für die eben dieses Ausprobieren und Experimentieren in verschiedensten Disziplinen den besonderen Reiz ausmachen. Dabei half ihr die Bestärkung aus ihrem Umfeld: „Ich hatte schon immer viele Fragen und meine Wissbegierde wurde von vielen Seiten gefördert“, erinnert sie sich. „Das waren sowohl der Forschungskindergarten, die Montessori-Schule, als auch die Art, wie meine Eltern mich erzogen haben. Ich wusste: Nachfragen ist erlaubt und nur so findet man heraus, welchen Weg man einmal gehen möchte.“ Als Mentorin teilt sie ihre Erfahrungen heute auch mit anderen jungen Menschen und beantwortet Fragen zu ihrem Studium. „Das war schon in meiner Schule sehr hilfreich und ich gebe diese Orientierung gern weiter.“