„Sprache ist der Schlüssel zur Bildung“
Wie gut gelingt frühe Bildung in Deutschland und was muss sich ändern? Bildungsjournalist Martin Spiewak spricht im Interview über Chancenungleichheit, fehlende Verbindlichkeit, notwendige Sprachförderung und die politische Verantwortung. Ein Plädoyer für mehr Struktur, realistische Konzepte und eine Lobby für Kinder.
Herr Spiewak, vor knapp einem Jahr erschien Ihr Artikel „Fördern statt Kuscheln“, der im Bildungsbereich einige Diskussionen ausgelöst hat. Wie blicken Sie heute darauf zurück?
Ich wollte diesen Artikel schon lange schreiben, weil ich über die Jahre gesehen habe, wie groß herkunftsbezogene Ungleichheiten und Kompetenzdefizite bei vielen Kindern sind, wenn sie in die Schule kommen, besonders im Bereich Sprache. Gleichzeitig beobachte ich, wie unzureichend die Antworten der frühkindlichen Pädagogik in Deutschland darauf oft ausfallen. Das war der Auslöser. Ich wollte wachrütteln und habe mit dem Text ja tatsächlich einen Nerv getroffen.
Gab es Reaktionen aus der Fachpraxis, die Sie besonders überrascht haben?
Ja, und sehr unterschiedliche. Mir war klar, dass der Text provoziert – das war gewollt. Die Reaktionen waren teils sehr kritisch, gerade aus Fachkreisen der Frühpädagogik. Da spürte ich viel Abwehr gegen den Gedanken kompensatorischer Bildung in der Kita. Natürlich hat die Kita nicht nur den Zweck, Kinder gut auf die Schule vorzubereiten. Aber aus meiner Sicht ist es ein sehr wichtiger Bestandteil der Kita. Auf der anderen Seite gab es auch positive Stimmen, die den Text als wichtigen Denkanstoß gesehen haben.
Sie kritisieren, dass in Kitas zu wenig gefördert wird, vor allem im Bereich Sprache. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Da gibt es mehrere Ebenen. Die Rahmenbedingungen sind natürlich schwierig, Stichwort Fachkräftemangel. Aber was mich besonders beschäftigt, ist die Haltung. Viele, die Verantwortung in der frühen Bildung tragen, lehnen strukturiertes Lernen reflexhaft ab. „Keine Verschulung der Kita“ ist ein Satz, den man oft hört. Dabei geht es mir nicht um starre Programme und niemand will Vierjährige auf Stühlchen setzen, um mit ihnen Vokabeln zu pauken. Notwendig ist vielmehr eine gezielte Unterstützung für Kinder, deren Eltern ihnen das Notwendige nicht in gleichem Maße mitgeben können. Leider fehlen oft auch gute, praxistaugliche Konzepte, wie man alltagsintegrierte und systematische Förderung miteinander verbinden kann.
Notwendig ist eine gezielte Unterstützung für Kinder, deren Eltern ihnen das Notwendige nicht im gleichen Maße mitgeben können.
Die Politik plant ein Startchancenprogramm auch für Kitas. Was halten Sie davon?
Die Idee, dass Kitas mit besonderen Herausforderungen stärker gefördert werden, ist absolut richtig. Es gibt bisher keine konkreten Details. Aber wenn dieses Programm so umgesetzt wird, dass Kitas mehr Personal bekommen, die Gruppengröße an den Bedarfen festgemacht wird oder gezielt Sprachförderkräfte eingesetzt werden können, dann wäre das ein großer Schritt. Es wird nicht alle Probleme lösen – logisch –, aber die Richtung stimmt, wenn wir die Bedarfe der Kinder und der Kitas anschauen und Unterschiedliches endlich auch unterschiedlich fördern.
Sie fordern eine stärkere Steuerung im Kita-System. Warum ist das so wichtig?
Deutschland hat viele schöne Bildungspläne, aber kaum jemand prüft, ob sie auch umgesetzt werden. Es fehlt an Verbindlichkeit. Und es wird insgesamt zu wenig auf die Bildungsinhalte geschaut, auf die Qualität der Sprachförderung, aber auch auf die numerischen Vorläuferfähigkeiten. Ich wünsche mir, dass die zuständigen Landesministerien da klarere Qualitätsvorgaben machen, nicht nur in Bezug auf z. B. bauliche Standards, sondern auch auf inhaltliche und pädagogische. Zudem kann der Bund in seinen Förderprogrammen für die Kita einen stärkeren inhaltlichen Rahmen vorgeben.
Wegen des Geburtenrückgangs wird aktuell diskutiert, ob dadurch mehr Raum für individuelle Förderung entsteht. Eine echte Chance?
Das wäre sehr wünschenswert. Es könnte tatsächlich ermöglichen, besser auf Kinder einzugehen, die Förderbedarf haben. Aber nur, wenn die Politik diesen Spielraum nutzt. Leider fürchte ich, dass vielerorts gekürzt wird: weniger Kinder, weniger Geld. Dabei sollten wir gezielt dort investieren, wo der Bedarf groß ist. Nicht jede Kita braucht da die gleiche Unterstützung. Entscheidend ist der Förderbedarf der Kinder.
Wer bei Schuleintritt kaum Deutsch spricht, hat es jahrelang schwer.
Ein Schwerpunkt Ihres Artikels war die Sprachförderung. Was müsste sich hier konkret ändern?
Zunächst einmal brauchen wir einen Mentalitätswandel. Sprache ist der Schlüssel zur Bildung. Und wer bei Schuleintritt kaum Deutsch spricht, hat es jahrelang schwer. Das betrifft besonders Kinder mit Migrationshintergrund, aber auch andere. Hier von Diskriminierung zu sprechen, wie es einige tun, halte ich für abenteuerlich. Wir brauchen zudem eine gute Diagnostik, die verlässlich zeigt, welche Kinder mehr Förderung brauchen. Hier wäre es wünschenswert, dass die Länder gemeinsam Lösungen finden. Und dann benötigen wir Konzepte, die alltagsintegriertes Lernen mit gezielten Förderangeboten verbinden. Mehr Personal allein reicht nicht, das zeigt die Vergangenheit deutlich.
Sie glauben also nicht, dass alltagsintegrierte Sprachförderung allein ausreicht?
Nein. Studien zeigen, dass in vielen Kitas selbst im normalen Alltag zu wenig gesprochen wird – unabhängig von der Gruppengröße. Und gezielte Förderung ist noch schwieriger. Dazu braucht es in irgendeiner Form eine Diagnostik, damit man sieht, wer stärker gefördert werden sollte und wer dies nicht braucht. Und es braucht den Willen, diese Verantwortung anzunehmen. Es reicht nicht, zu sagen: Das sollen später Schule oder Eltern machen.
Gibt es für Sie positive Beispiele, Leuchtturmprojekte, von denen andere lernen könnten?
Ich bin bei Leuchttürmen etwas skeptisch – sie strahlen oft nur für sich selbst. Zielführender sind für mich strukturelle Ansätze, wie sie etwa über das Startchancenprogramm oder die Sprach-Kitas angedacht sind. Wichtig ist, dass Kita und Schule bei der Bildung zusammengedacht werden. Es ist ein gutes Signal, dass das mittlerweile ja auch politisch auf Bundesebene mit der Zusammenlegung in einem Ministerium so ist.
Was wünschen Sie sich als Bildungsjournalist für die Kita-Politik der kommenden Jahre?
Wenn wir wirklich vom Kind aus denken, dann ist Sprachförderung zentral. Und zwar die Förderung der deutschen Sprache. Mehrsprachigkeit ist ein Schatz. Aber wenn ein Kind in die Schule kommt, muss es dem Unterricht in Deutsch einigermaßen folgen können. Viele Kinder haben sonst ab der ersten Klasse ein schweres Päckchen zu tragen. Und das ist eine Aufgabe der Kita! Und wenn wir sagen, das Kind steht im Mittelpunkt, dann sollten wir auch über seine Bedürfnisse sprechen, nicht nur über die Überlastung der Fachkräfte. Natürlich ist deren Situation wichtig, aber manchmal habe ich den Eindruck, dass in der öffentlichen Debatte die Kinder aus dem Blick geraten. Ich wünsche mir eine Kita-Politik, die das ändert und in der Kinder eine größere Lobby bekommen.
Das Interview erschien in unserem Fachmagazin “Forscht mit!”
In der Ausgabe 4/2025 geht es um verschiedene Arten der Energie: Kinder, die rennen, hüpfen und toben, werfen Bälle und klettern wieder und wieder die Rutsche hinauf, bis sie nicht mehr können. Dann tanken sie kurz neue Energie und schon sind sie wieder fit. Wie macht unser Körper das? Gibt es Dinge, die besonders gut dabei helfen, Energie zu tanken? Und ist das bei allen gleich? Das Heft bietet viele Forschungsideen für Kita, Hort und Grundschule: Kinder können bei einem Mehrkampf unterschiedliche Arten von Anstrengung ausprobieren. Sie führen ein Energietagebuch und finden heraus, wie Technik dabei hilft, Energie zu sparen.
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