"Kinder haben einen unbändigen Willen, gesund zu werden"
Von der Faszination für Zellteilung bis zum Kinderarzt – Dr. Nibras Naami hat seinen Berufsweg eher zufällig entdeckt. Doch was ihn antreibt, ist klar: Neugier und die Lust, Kindern und Erwachsenen Gesundheit spielerisch näherzubringen. Ob im Podcast, in Büchern oder als Vater – für ihn steht fest: Gesundheit beginnt im Alltag und braucht Vorbilder. Wie das gelingt? Einfach mal zuhören, was Kinder wirklich bewegt – und sie ernst nehmen!
Wie hast du Zugang zu deinem Beruf gefunden? Gab es in deiner Kindheit einen Moment, eine Person oder ein Erlebnis, der oder das den Grundstein dafür gelegt hat?
Die Entscheidung, Humanmedizin zu studieren, fiel bei mir tatsächlich relativ spät. Prägend war für mich die elfte Klasse im Biologieunterricht bei meiner Lehrerin Frau Dunker. Wir hatten damals das Thema Zellteilung – Mitose und Meiose – ein Stoff, der die meisten eher abschreckt und als mühsames Auswendiglernen in Erinnerung bleibt. Ich war plötzlich total begeistert. Ich fand es faszinierend, warum sich eine Zelle teilt, was auf molekularer Ebene passiert, wie sich das Erbgut aufstellt und bereit macht und dann noch die Unterschiede zwischen der Teilung normaler Zellen und der Teilung von Keimzellen.
Als ich gemerkt hab, dass ich das spannend finde, während alle anderen damit kämpften, hab ich gedacht, da steckt anscheinend mehr dahinter. Mit der Zeit wurde mir bewusst, dass mich vor allem die Biologie des Menschen interessiert – und so entstand noch zu Schulzeiten die Idee, dass das Studium Humanmedizin für mich das Richtige sein könnte. Man könnte sagen: Der richtige Stoff zur richtigen Zeit mit der richtigen Lehrerin. Wäre das anders gewesen, wäre vielleicht vieles anders gelaufen.
Hand, Fuß, Mund
Dr. med. Nibras Naami arbeitet seit 2015 in der Kinder- und Jugendmedizin, ist Facharzt, Kinderhämatologe und -onkologe und macht gerade die Zusatzweiterbildung Ernährungsmedizin. Zusammen mit PD Dr. med. Florian Babor hat er bereits zwei Bücher herausgebracht, die Kindern die Angst vor dem Arztbesuch nehmen sollen und betreibt mit ihm den Podcast Hand, Fuß, Mund, in dem sie ihren Zuhörerinnen Themen aus der Kinder- & Jugendmedizin näherbringen.
Zum Podcast und den SeminarenIn deiner Arbeit als Kinderarzt hast du ständig mit jungen Patient:innen zu tun. Was kannst du selbst noch von den Kindern lernen – und was sind typische Fragen, die sie dir stellen?
Was mich immer wieder beeindruckt, ist der unbändige Wille von Kindern, wieder gesund zu werden. Nicht immer bewusst, manchmal gibt es natürlich Widerstand bei Blutabnahmen oder Medikamenten. Aber das ist völlig verständlich, das sind die Dinge, vor denen Kinder Angst haben. Aber sobald es körperlich irgendwie möglich ist, wollen Kinder aufstehen, spielen, sich bewegen. Ich denke, Erwachsene bringen Krankheit viel häufiger mit dem restlichen Leben in Verbindung und lassen sich davon psychisch belasten. Kinder dagegen, selbst jene mit schweren Erkrankungen – ich arbeite ja in der Kinderonkologie – legen einen oft unfassbaren Umgang damit an den Tag. Und diese Grundhaltung ist keine Kleinigkeit: Motivation spielt beim Gesundwerden eine echte Rolle.
Was die Fragen betrifft: Kinder wollen einfach alles verstehen, was um sie herum passiert. Warum haben die verschiedenen Blutröhrchen verschiedene Farben? Was passiert mit ihrem Blut, wo wird es hingeschickt, was machen die damit im Labor? Das sind Fragen, über die sich Erwachsene gar keine Gedanken machen – und bei denen ich manchmal selbst erst nachfragen muss. So geht das tagein, tagaus, dass man mit und von den Kindern auch ganz viel lernen kann.
Das Motto der diesjährigen MINTmachtage lautet “Sag mal Aaah! Gesund in die Zukunft”. Wo siehst du die größten Chancen, aber auch die größten Herausforderungen, wenn du an die Medizin der Zukunft denkst?
Die größten Chancen sehe ich in der Entwicklung neuer Therapien und in der besseren Erkennung seltener Erkrankungen. Wir verstehen bei immer mehr Erkrankungen, woher sie kommen, wie sie funktionieren. Das erspart Patienten eine lange Odyssee durch das Gesundheitssystem und ermöglicht frühere, gezieltere Hilfe.
Die größte Herausforderung ist, die dafür die notwendigen Mittel und Zeit aufzubringen – und gleichzeitig sicherzustellen, dass gerade Kinder in einem immer strafferen System mit berücksichtigt werden. Wir erleben gerade, dass Einrichtungen schließen und nicht ersetzt werden, dass der Druck auf niedergelassene Ärztinnen und Ärzte enorm ist, sehr viele Patienten abzudecken. Ich glaube, wir müssen wegkommen von dem Gedanken, dass Medizin sich rechnen muss und ein Krankenhaus wirtschaften muss. Im Mittelpunkt muss wieder der Mensch stehen und die immer besseren Möglichkeiten, ihm zu helfen.
"Es braucht keinen Kuchen und keinen Ausflug zur Eisdiele für U3-Kinder – Obst und Gemüse finden Kinder in dem Alter genauso toll, wenn man es richtig anbietet. Das Thema Ernährung könnte dort, glaube ich, noch ein bisschen besser berücksichtigt werden, und die Erkenntnisse, die wir auf dem Gebiet haben."
Dr. Nibras Naami
In deinem Podcast "Hand, Fuß, Mund" bringst du zusammen mit deinem Kollegen Dr. Florian Babor Kindermedizin verständlich auf den Punkt und ihr räumt dabei regelmäßig mit Irrtümern auf. Welche hartnäckigen Mythen über Kindergesundheit begegnen dir immer wieder und was sollten Erzieher:innen in den Kitas unbedingt wissen?
Mythen gibt es reichliche. Eine der hartnäckigsten Mythen dreht sich ums Thema Impfungen. Viele Eltern haben Angst vor Impfungen, die auf unseriösen Informationen aus dem Internet beruht. Es wird häufig verharmlost, welche Gefahren drohen, wenn Kinder nicht ausreichend vernünftig geimpft werden oder Inhaltsstoffe von Impfungen werden verteufelt, obwohl sie gut getestet und für sicher befunden sind. Es kursiert auch der Mythos, Ärzte würden von Pharmaunternehmen dafür belohnt, Präparate zu verschreiben. All das ist falsch und schadet nicht nur der Herdenimmunität, sondern auch dem einzelnen Kind, weil natürlich ungeimpfte Kinder ein viel höheres Risiko haben, dann eben schwer an einer impfpräventablen Erkrankung zu erkranken.
Was Erzieher:innen wissen sollten? Am liebsten würde ich durch ganz Deutschland touren und Fortbildungen geben. Aber wenn ich einen Punkt besonders hervorheben darf: Ernährung in den ersten 1000 Lebenstagen – das sind die Schwangerschaft und die ersten zwei Lebensjahre – stellt enorme Weichen. Nicht nur für die geschmackliche Prägung, sondern für die Entwicklung des Stoffwechsels und der Darmgesundheit eines Kindes. Ich kann immer nur wiederholen: So gut es geht, in dieser Phase Zucker vermeiden. Da sehe ich in Kitas noch Verbesserungspotenzial. Es braucht keinen Kuchen und keinen Ausflug zur Eisdiele für U3-Kinder – Obst und Gemüse finden Kinder in dem Alter genauso toll, wenn man es richtig anbietet. Das Thema Ernährung könnte dort, glaube ich, noch ein bisschen besser berücksichtigt werden, und die Erkenntnisse, die wir auf dem Gebiet haben.
Du bist nicht nur Kinderarzt, sondern auch selbst Vater. Inwiefern hat das vielleicht deinen Blick auf deinen Beruf verändert?
Es hat zweifelsohne meinen Blick auf den Beruf verändert und ich würde sagen zu einem besseren Kinderarzt gemacht. Vor allem, weil ich die Elternseite jetzt noch viel besser nachvollziehen kann. Es gibt wunderbare Kinderärztinnen und -ärzte ohne eigene Kinder – das möchte ich ausdrücklich sagen. Aber wenn Eltern nachts mit einer eher harmlosen Sache in die Klinik kommen und nicht bis zur Praxisöffnung warten können, dann verstehe ich heute viel besser, warum. Wenn es darum geht, einem Kind ein Medikament zu geben oder es von einer medizinischen Maßnahme zu überzeugen – ich weiß jetzt, wie schwer das sein kann. Diese Perspektive hilft enorm in der Gesprächsführung mit Eltern. Man sitzt gewissermaßen auf beiden Seiten des Tisches.
Erwachsene sind Vorbilder - auch beim Thema Gesundheit
Du hast mehrere Bücher geschrieben, die u.a. Kindern die Angst vor dem Arzt- und Krankenhausbesuch nehmen sollen oder Kindergesundheit erklären. Was würdest du Erzieher:innen mitgeben, die das Thema Gesundheit im Kita-Alltag aufgreifen wollen – und welche Stolpersteine sollten sie vermeiden?
Kinder haben ein unglaubliches Interesse an Gesundheit, Medizin und dem eigenen Körper – das erlebe ich täglich. Ein tolles Beispiel sind Verletzungen: Hat jemand eine Wunde, sind Kinder sofort fasziniert. Wie ist das passiert? Wie sieht das aus? Wie verheilt das? Sie prüfen den Zustand der Wunde regelmäßig und wollen wissen, wie es weitergeht.
Mein Rat an Erzieher:innen: Nehmt das auf und bringt Gesundheitsthemen spielerisch in den Alltag. Ein Arztkoffer in der Kita, das Üben mit einem Stethoskop, eine gespielte Impfung – das klingt simpel, aber es nimmt Kindern die Angst vor echten Begegnungen. Genau das versuchen wir auch mit unseren Büchern. Dabei sollte man sich nicht von anfänglichen Ressentiments abschrecken lassen – manche Kinder haben schlechte Erfahrungen gemacht und sind erstmal skeptisch. Aber wie man Kinder abholt und überzeugt, das wissen pädagogische Fachkräfte oft besser als ich. Die Richtung stimmt jedenfalls: Gesundheit häufiger thematisieren, die Neugier der Kinder nutzen und ihre Ängste spielerisch abbauen.
Was kannst du uns mitgeben, damit wir gesund in die Zukunft gehen?
Ich denke dabei viel an den Vorbildcharakter in Familien. Wir alle haben einen stressigen Alltag, und häufig wünschen wir uns von unseren Kindern, dass sie sich gut ernähren und viel bewegen – tun es selbst aber nicht und leben es ihnen nicht vor. Man ist gefangen in Arbeit und Karriere, kommt abends erschöpft nach Hause.
Meine Botschaft wäre: Einen Schritt zurücktreten, durchatmen und sich klar machen, was wirklich wichtig ist. Die eigene Gesundheit und die der Kinder ist wichtiger als der nächste Karrieresprung. Zeit einplanen, um gemeinsam einzukaufen, zu kochen, rauszugehen, sich zu bewegen – all das braucht Raum im Alltag. Und das, was Kinder dabei lernen, ist wertvoller als jeder Longevity-Trend. Den Kindern vorzuleben, dass man achtsam mit dem eigenen Körper umgeht, dass Ernährung und Bewegung zum Alltag gehören – das ist die beste Gesundheitslektion, die man ihnen erteilen kann.