Keine Angst vor Mathe – Kinder spielerisch fördern
Dieses Interview erschien auch in der Kita aktuell 2/2026
Wie unterstützen Erzieher:innen Kinder früh in Mathe, auch wenn sie selbst keine Fans sind? Dieser Frage ist Bettina Schmidt nachgegangen. Die Netzwerkkoordinatorin arbeitet für DESY – Neugier ahoi, dem Hamburger Netzwerkpartner der Stiftung Kinder forschen. Gemeinsam mit ihrem Team hat sie ein neues Mathe-Fortbildungsangebot konzipiert, das nun Teil des Stiftungsprogramms ist: "Spielen, Bauen, Sortieren – Mathematik im Kita-Alltag".
Hand aufs Herz: Wie fandest du Mathe in der Schule?
Insgesamt ist leider kein so gutes Gefühl zurückgeblieben. Aber es gibt Themen, an die ich mich gerne erinnere. Zum Beispiel Konstruieren in der Geometrie und binomische Formeln.
In der Grundschule gab es eine Zeit, wo ich mit Mathematik sehr gehadert habe – das war, als plötzlich Textaufgaben eingeführt wurden. Ich fand es unglaublich schwer, aus einem Text die für die Rechenaufgabe relevanten Informationen zu entnehmen. Aber irgendwann hat es klick gemacht – auch wenn ich nicht genau weiß, warum. Dafür bin ich mir heute sehr bewusst darüber, dass dieser Schritt für viele Kinder ein herausfordernder Schritt ist, der gut begleitet werden muss.
Mathematik – vielen Menschen sträuben sich bei dem Gedanken daran alle Haare. Kannst du dir erklären, warum Mathe für viele Menschen so anstrengend ist – ja, sogar ein rotes Tuch zu sein scheint?
Mathematik ist ja ein großer Begriff. Ebenso wie Sport. Vielleicht wird es mit diesem Vergleich anschaulicher: Ich liebe Volleyball, aber rhythmische Sportgymnastik ist ein rotes Tuch für mich. Ich denke, das hat zum einen mit meinen Stärken zu tun und zum anderen damit, wie ich mit diesem Thema in Kontakt gekommen und wie ich dabei begleitet worden bin.
Ich versuche immer herauszufinden, an was genau die Menschen denken, wenn sie an Mathematik denken und Gefühle hochkommen, die nicht angenehm sind. Oft sind es Schulerfahrungen, einzelne Lehrer:innen, aber auch Eltern oder Geschwister, die einfach immer bessere Noten in Mathe hatten. Manche lieben rechnen, aber finden Geometrie ganz furchtbar; andere lieben Statistik aber möchten weglaufen, wenn sie an Kurvendiskussionen denken.
Was schlussfolgerst du daraus?
Die Anstrengung kommt vielleicht eher aus der Auseinandersetzung mit den unangenehmen Gefühlen, die da hochkommen und nicht aus der Mathematik selbst. Es ist viel einfacher, pädagogische Fachkräfte neu für Mathematik zu begeistern, wenn man ihre Erinnerungen und Gefühle ernst nimmt und herausarbeitet, dass ihre unangenehmen Gefühle in den meisten Fällen sehr personengebunden sind. Und dann ist es gut, sich gemeinsam auf ein neues Ziel zu fokussieren: Kinder früh zu stärken und ihnen eine gute Lernbegleitung zu sein. So verhindern wir, dass sie dieselben Erfahrungen machen. Oder noch besser: Sie bekommen eine angenehme Gefühlsgrundlage rund um mathematische Themen, so dass die Resilienz gegenüber nicht so angenehmen Erlebnissen groß genug ist und nicht an ihrem Selbstwertgefühl knabbert.
Gerade als Lernbegleitung ist es sehr wichtig, die eigenen Erfahrungen und Erinnerungen nicht schon auf die Kinder oder die Kolleg:innen zu übertragen.
Warum scheint Mathematik so lebensfern zu sein?
Grundsätzlich ist Mathematik ja überhaupt nicht lebensfern – wir sind jeden Tag umgeben von Mathematik. Ohne Mathematik könnten wir vieles gar nicht tun. Die Frage für mich ist eher, wie wir Mathematik von ihrer negativen Bedeutung befreien und Menschen jeden Alters dafür begeistern können, indem wir herausfinden, welchen individuellen Zugang sie brauchen. Ich denke heute, dass ich viel früher ein positives Verhältnis zu Mathematik hätte entwickeln können, wenn es andere Angebote gegeben hätte.
Auch, dass Mathematik kreativ sein kann, finden viele Menschen ganz erstaunlich. Wir machen ja auch Fortbildungen mit der Hamburger Kunsthalle an der Schnittstelle Mathematik und Kunst und das ist immer total schön zu sehen, wie Menschen über ganz andere Wege ihre Begeisterung für frühkindliche mathematische Bildung finden.
Was möchtest du Pädagog:innen mitgeben?
Selbstwirksamkeit, viele neue Impulse, Spaß und das Bewusstsein, wie unglaublich wichtig ihre tägliche Arbeit ist.
Wir arbeiten wir nach dem Grundsatz "Mathe ist überall" – niemand muss besondere Materialien anschaffen. Es reicht, das Kind und seine Interessen in den Fokus zu nehmen und dann mit der Mathe-Brille zu begleiten.
Kinder brauchen Impulse, Fragen, Wörter – damit mathematisches Denken Einzug in das Spielen finden kann. Die Lernbegleitung ist der Schlüssel.
Bettina Schmidt, Netzwerkkoordinatorin und Trainerin im Hamburger Netzwerk "DESY - Neugier ahoi!"
Was sind die Reaktionen in den Fortbildungen? Was nimmst du wahr?
Viele sind dankbar über den praktischen und unkomplizierten Einstieg in die Welt der mathematischen Basiskompetenzen und des mathematischen Tuns und fühlen sich sehr wertschätzend über den Fortbildungstag hinweg begleitet.
Die Fachkräfte schätzen das Wimmelbild und die Broschüre, die wir für die Fortbildung entwickelt haben, und dass sehr viel praktisch gearbeitet wird. Am Ende der Fortbildung gibt es einen Block, in dem wir über aktuelle Themen der Kinder in der Einrichtung sprechen und überlegen, wie die Erkenntnisse aus der Fortbildung darauf angewendet werden können. Das finden die Fachkräfte super, weil sie dann am nächsten Tag direkt mit der Mathebrille auf der Nase alltagsintegriert loslegen können.
Gibt es auch Momente, die nicht so schön sind?
Nicht "schön"", aber immens wichtig sind die mitunter sehr persönlichen Geschichten von schlechten Erfahrungen aus der eigenen Schulzeit der Fachkräfte. Gleichzeitig wird deutlich, dass sich alle wünschen, dass das für die Kinder jetzt anders läuft.
Kannst du dein Lieblingselement aus der Fortbildung beschreiben?
Es gibt eine Phase, in der wir auf typische Situationen und Materialien in der Kita schauen. Das kann den Tisch zu decken sein oder Stifte, Bauklötze, Eimer und Schaufeln zählen.
Die Fachkräfte erarbeiten selbstständig, welche mathematischen Basiskompetenzen mit diesem Material bzw. in diesen Situationen gefördert werden können und welche mathematischen Tätigkeiten die Kinder damit durchführen können. Dadurch entstehen viele Aha-Erlebnisse und das Schöne ist, dass hier sowohl Mathe-Neulinge als auch Fachkräfte, die schon richtig viel Mathe mit den Kindern machen, neue Ideen und Impulse bekommen.
Es reicht nicht, Materialien bereitzulegen oder mathematisch interessante Situationen zu schaffen – entscheidend ist die sprachliche und gedankliche Begleitung durch die Fachkraft. Kinder brauchen Impulse, Fragen, Wörter – damit mathematisches Denken Einzug in das Spielen finden kann. Die Lernbegleitung ist der Schlüssel.
Neue regionale Fortbildung in Kooperation mit unserem Hamburger Netzwerkpartner
Die Fortbildung "Spielen, Bauen, Sortieren – Mathematik im Kita-Alltag" wurde in Hamburg vom Netzwerkpartner DESY - Neugier ahoi! mit Förderung von der Behörde für Wirtschaft und Innovation/Hamburgische Investitions- und Förderbank, der Claussen-Simon-Stiftung und der Dürr-Stiftung entwickelt und wird in Kooperation mit der Stiftung Kinder forschen weiteren Netzwerkpartnern bundesweit zur Verfügung gestellt.
Hier kannst die Mathe-Fortbildung in deiner Region finden.