Die Macht der frühen Bildung – ein Gespräch mit Bob Blume
Bob Blume, Lehrer, Podcaster und einer der bekanntesten Bildungsexperten Deutschlands, hat auf der Netzwerktagung der Stiftung Kinder forschen eine klare Botschaft mitgebracht: Bildung darf nicht nur Wissen vermitteln, sondern muss Kindern Halt geben. Doch wie gelingt das in einer Zeit, in der KI, Krisen und digitale Reizüberflutung den Alltag prägen?
In diesem Interview spricht Blume über Selbstwirksamkeit, die Macht der frühen Bildung und warum wir uns alle – Eltern, Pädagog:innen, Politik und auch die Generation 55+ – unserer Verantwortung stellen müssen. Denn eines ist klar: Bildung ist der Schlüssel, um Kindern Orientierung in einer komplexen Welt zu geben. Was können wir tun, damit kein Kind zurückbleibt?
Sie haben Ihren Vortrag mit einem eindrücklichen Beispiel begonnen: Zwei Kinder starten mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen ins Leben. Was sagt uns das über Chancengerechtigkeit?
Wenn wir ehrlich sind, müssen wir feststellen: Die Unterschiede bei den Voraussetzungen von Kindern und Jugendlichen sind enorm. Das eine Kind hört schon im Mutterleib klassische Musik, besucht eine gut ausgestattete Kita, spielt lernförderliche Spiele und bekommt vorgelesen. Das andere erlebt all das nicht und besucht vielleicht noch nicht einmal eine Kita. Da stellt sich zwangsläufig die Frage, was wir eigentlich meinen, wenn wir von Chancengerechtigkeit sprechen.
Genau deshalb ist Bildung so eine komplexe Aufgabe. Man kann dabei leicht die Übersicht verlieren. Das überfordert Eltern, pädagogische Fachkräfte, Lehrkräfte und politische Entscheidungsträger gleichermaßen. Das ist zunächst die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht lautet: Alle sind überfordert. Die Orientierungslosigkeit in einer immer komplexeren Welt betrifft uns alle.
Zur Person
Bob Blume ist Lehrer, Autor, Podcaster und Bildungsinfluencer. Er studierte Germanistik, Anglistik sowie Geschichte und arbeitete bis 2025 als Oberstudienrat an einem Gymnasium in der Nähe von Baden-Baden. Momentan promoviert er in den Erziehungswissenschaften.
Zu seiner WebsiteWas bedeutet das für diejenigen, die Kinder begleiten und bilden?
Es bedeutet vor allem, dass wir uns unserer eigenen Wirksamkeit bewusst werden müssen. Der Bildungsforscher John Hattie beschreibt die sogenannte kollektive Wirksamkeitsüberzeugung von Lehrkräften als einen der stärksten Faktoren überhaupt für Lernerfolg. Vereinfacht gesagt: Wenn Menschen gemeinsam davon überzeugt sind, dass sie etwas bewirken können, dann hat das enorme Auswirkungen.
Dieser Gedanke ist zentral – die Überzeugung, selbst Einfluss zu haben. Und genau deshalb ist der frühkindliche Bereich so wichtig. Hier werden die Grundlagen dafür gelegt, wie Kinder sich selbst und ihre Möglichkeiten wahrnehmen.
Sie verweisen dabei auch auf die sogenannte Heckman-Kurve. Warum ist sie für Sie so bedeutsam?
Der Ökonom James Heckman hat gezeigt, dass Investitionen in frühe Bildung besonders wirksam sind. Kinder, die in einer Umgebung aufwachsen, die sie wenig stimuliert und wichtige Fähigkeiten nicht früh fördert, starten mit erheblichen Nachteilen. Und diese Ungleichheiten lassen sich später oft nur schwer aufholen.
Das Erstaunliche ist: Obwohl wir das alles wissen, fließt der größte Teil der Bildungsausgaben nach wie vor in spätere Bildungsabschnitte. Dabei zeigen die Daten sehr klar, dass frühe Investitionen die größten Wirkungen entfalten.
Gleichzeitig erleben wir gesellschaftlich eine Zeit großer Unsicherheit. Welche Auswirkungen hat das auf Kinder?
Kinder nehmen sehr genau wahr, wie Erwachsene mit der Welt umgehen. Sie erleben, dass wir selbst oft damit kämpfen, die zunehmende Komplexität zu bewältigen. Häufig wird dafür der Begriff VUCA verwendet: Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität. Es gibt immer seltener ein eindeutiges “richtig” oder “falsch”.
Kinder bekommen dieses Echo mit. Sie merken, dass auch die Erwachsenen nach Orientierung suchen. Deshalb ist es umso wichtiger, ihnen Erfahrungen zu ermöglichen, die Halt geben und Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit schaffen.
Ein Thema Ihres Vortrags war die Lernmotivation. Sie haben auf die Forschung von Rebecca Winthrop verwiesen. Was lässt sich daraus lernen?
Rebecca Winthrop beschreibt verschiedene Lernmodi, in denen sich Schülerinnen und Schüler bewegen können. Besonders alarmierend ist ihre Beobachtung, dass sich zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen eigentlich nicht für Schule interessieren.
Viele befinden sich im sogenannten Passenger-Modus. Sie laufen gewissermaßen auf Autopilot. Andere sind im Resister-Modus und ziehen sich zurück oder gehen in Opposition. Dann gibt es die Achiever, die sehr leistungsorientiert sind, aber oft stark von äußerer Anerkennung abhängig bleiben.
Der spannendste Modus ist der Explorer-Modus. Das sind Kinder, die aus eigenem Interesse lernen, eigene Fragen verfolgen und auch nach dem Unterricht weiterdenken. Sie erleben Lernen als etwas, das ihnen selbst gehört.
Diese Einteilung macht deutlich: Lernbereitschaft ist keine feste Persönlichkeitseigenschaft. Sie entsteht dort, wo Kinder Relevanz erkennen und erleben, dass sie selbst etwas bewirken können.
"Der schulische Auftrag ist viel größer als die reine Vermittlung von Wissen."
Bob Blume, Bildungsexperte
Damit sind wir beim Thema Selbstwirksamkeit. Warum spielt sie eine so große Rolle?
Weil Kinder erleben müssen, dass ihr Handeln einen Unterschied macht. Dazu gehört auch, dass ihre Gefühle ernst genommen werden. Hinter einem Verhalten steckt oft mehr als das, was wir auf den ersten Blick sehen. Entscheidend sind die Emotionen dahinter.
Selbstwirksamkeit entsteht, wenn Kinder eigene Entscheidungen treffen, Einfluss nehmen und Autonomie erfahren können. Dazu passt auch das Konzept des Growth Mindset: die Überzeugung, dass Fähigkeiten entwickelt werden können. Nicht „Ich kann das nicht“, sondern „Ich kann das noch nicht“. Dann geht es um die Frage: Welche Strategie brauche ich? Wie kann ich besser werden?
Was bedeutet das für den Bildungsauftrag von Schule?
Der schulische Auftrag ist viel größer als die reine Vermittlung von Wissen. Wissen allein genügt nicht. Die eigentliche Kunst besteht darin, Wissen nutzbar zu machen.
Deshalb wird heute so viel über Future Skills gesprochen. Die Listen unterscheiden sich zwar, aber Themen wie Selbstregulation, Wohlbefinden oder Kooperationsfähigkeit tauchen immer wieder auf. Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass Kinder die Freiheit erhalten, sich auszuprobieren.
Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen: Um Neues entdecken zu können, braucht es auch Wissen. Gerade im Zeitalter von KI gilt: Ich kann nur nach etwas suchen oder etwas einordnen, wenn ich überhaupt weiß, dass es existiert.
Wie verändert die digitale Welt die Rolle von Lehrkräften?
Kinder haben heute Zugang zu nahezu allem. Manche kommen in die Schule und sprechen besser Englisch als ihre Lehrkräfte, weil sie Serien und Filme im Original schauen. Das zwingt uns dazu, die Rolle von Lehrkräften neu zu denken. Deshalb gefällt mir der Begriff Lernbegleitung, der in Kitas und Grundschulen häufig verwendet wird. Die Frage lautet nicht mehr: Wer besitzt das Wissen? Sondern: Wer hilft Kindern dabei, sich Wissen anzueignen, es einzuordnen und sinnvoll zu nutzen?
Lernen bedeutet, Kindern Raum zu geben, zu wachsen und zu erfahren, dass Entdecken etwas Wunderbares sein kann. Leistung entsteht im besten Fall als Ergebnis eines gut begleiteten Prozesses.
Sie sprachen auch von der „großen Beschleunigung“. Welche Herausforderungen sehen Sie darin?
Zwischen 1950 und heute hat sich die Welt in einem enormen Tempo verändert. Jeder kann jederzeit Inhalte veröffentlichen, Informationen abrufen und sich vernetzen. Das verändert unser Verhältnis zu Wissen grundlegend.
Lehrkräfte müssen sich deshalb fragen: Wofür bin ich eigentlich noch da? Meine Antwort lautet: für die Beziehung, für Orientierung, für Begleitung und für die Gestaltung von Lernprozessen.
Welche Veränderungen wären aus Ihrer Sicht notwendig, damit Bildung besser gelingt?
Oft hört man, wir bräuchten mehr Mut. Ich würde eher sagen: Wie schön wäre ein System, in dem man nicht ständig mutig sein muss, um gute Bildung zu ermöglichen?
Es gibt viele konkrete Stellschrauben: eine stärkere Fokussierung auf frühkindliche Bildung, bessere Rahmenbedingungen für Kooperationen, angemessene Bezahlung von Grundschullehrkräften, sinnvollere Fortbildungsstrukturen und weniger Bürokratie. Vor allem aber brauchen wir mehr Zeit für das Zwischenmenschliche. Es kann nicht sein, dass Lehrkräfte spannende MINT-Projekte nicht umsetzen können, weil sie permanent unter Druck stehen, andere Aufgaben zu erfüllen. Und wir brauchen mehr Anerkennung für die Arbeit von Pädagoginnen und Pädagogen.
Sie argumentieren dabei auch gesellschaftlich und ökonomisch.
Ja, denn häufig sind es ökonomische Argumente, die politische Veränderungen anstoßen. Gerade deshalb wundere ich mich, dass nicht viel mehr Geld in frühe Bildung investiert wird.
Eigentlich müssten besonders ältere Generationen ein großes Interesse daran haben. Denn sie werden in Zukunft auf die Kompetenzen, die Fürsorge und die Innovationskraft der jungen Menschen angewiesen sein. Trotzdem zeigen Umfragen immer wieder, dass Bildung bei vielen Menschen über 55 keine hohe Priorität hat. Das ist ein Widerspruch, über den wir sprechen sollten.
Zum Abschluss: Was kann Bildung in einer Zeit leisten, die von Krisen, Digitalisierung und KI geprägt ist?
Der Soziologe Hartmut Rosa sagt: Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung. Dieser Gedanke gefällt mir sehr. Es geht nicht einfach darum, alles langsamer zu machen. Es geht darum, eine Beziehung zur Welt aufzubauen. Bildung kann Kindern die Erfahrung ermöglichen, dass Lernen sie berühren kann. Wenn das gelingt, entsteht Interesse. Und aus Interesse wächst Motivation.
Wenn diese Verbindung fehlt, verfallen viele Kinder in den Passenger-Modus. Deshalb sollten wir ihnen die Chance geben, mit der Welt in Beziehung zu treten und sie sich anzueignen. Ich merke selbst immer sehr schnell, ob eine Unterrichtsstunde gelungen ist: Wenn der Gong ertönt und die Schülerinnen und Schüler nicht sofort aus dem Raum stürmen, sondern noch weiterreden möchten, dann ist etwas entstanden.
Und genau darum sollte es gehen.