"Wir übersehen unsere Kinder!"
Unsere alternde Gesellschaft könne es sich nicht leisten, auch nur ein Kind auf dem Weg in die Berufstätigkeit zu verlieren, sagt der Professor für Migrations- und Bildungssoziologie Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani. Statt genau hinzuschauen und wertvolle Lern- und Lebensorte für sie zu schaffen, ignoriere die Politik Kinder. Der Soziologe fordert eine neue gesellschaftliche Haltung gegenüber Kindern und Kindheit – und eine Aufwertung der frühkindlichen Bildung.
Ihr Buch heißt Kinder – Minderheit ohne Schutz. Was meinen Sie damit?
Kinder sind historisch gesehen immer Außenseiter in unserer Gesellschaft gewesen. Das Grundverständnis ist: Kinder stören. Entsprechend haben wir nur zwei Orte für Kinder geschaffen – Familie und Bildungsinstitutionen wie Kita und Schule. Jetzt kommt hinzu, dass Kinder zahlenmäßig eine Minderheit sind.
Was hat das für Auswirkungen?
Ganz einfach: Wir übersehen unsere Kinder. Man kann heute sogar Wahlkämpfe gewinnen, ohne Bildung, Kinder und Familien zu thematisieren. Dabei sind das innenpolitisch essenzielle Bereiche: Wir leben in einer alternden Gesellschaft – und die lebt davon, dass wir möglichst viele Berufstätige haben. Wenn wir den demografischen Wandel bewältigen wollen, müssen die wenigen Kinder, die wir haben, top qualifiziert sein.
Sie finden, die Politik tut in dieser Hinsicht nicht genug. Was, denken Sie, sind die Gründe dafür?
Aufgrund der hohen Geburtenrate der Boomer-Jahrgänge hatten wir bislang genug Erwerbstätige. Daran hat sich das System gewöhnt – auch daran, dass zehn bis 15 Prozent der Jugendlichen im oder am System scheitern, etwa wenn sie ohne Abschluss das Schulsystem verlassen haben. In einer alternden Gesellschaft können wir es uns aber nicht erlauben, auch nur ein einziges Kind zu verlieren.
Bislang haben wir uns darauf verlassen, dass es die Eltern schon regeln, wenn es Lücken gibt. Wenn aber die Eltern ihre alte Rolle nicht mehr ausfüllen können, dann müssen die Institutionen diese Funktion ersetzen – zumindest zum Teil.
Das Bildungssystem muss Teile der elterlichen Funktion ersetzen.
Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani
Weshalb können Eltern diese Rolle nicht mehr ausfüllen?
Es gibt heute viel mehr Familien, in denen beide Elternteile berufstätig sind, da fehlt es an Zeit. Durch Migration ist außerdem der Anteil an Eltern gestiegen, die bestimmte Dinge nicht leisten können. Dazu haben mehr Familien ökonomische Probleme. Das heißt, das Bildungssystem – besonders Kitas und Grundschulen – muss Teile der elterlichen Funktion ersetzen.
Woran wird das deutlich?
Egal wo ich bin: Eltern sind immer ein großes Thema in den Einrichtungen. Die Erwartungen an sie sind enorm und viele Fachkräfte sind enttäuscht von ihnen. Was dahintersteckt, ist eine Schieflage zwischen Bildungsinstitutionen und Familie. Wir haben die außerfamiliäre Betreuung eingeführt und erweitert, um die Berufstätigkeit von Eltern zu ermöglichen. All das ist für die Eltern und den Arbeitsmarkt gemacht, nicht für die Kinder.
Was wir bräuchten, wären Institutionen, die mehr Verantwortung übernehmen und mehr Kompetenzen haben. Das Wichtigste fürs Aufwachsen der Kinder ist die Frage, wie gut die Institutionen sind, die sie besuchen.
Was müsste sich ändern, damit diese besser werden?
Es gibt zwei Dinge in der Kindheit, die man gesellschaftlich organisieren muss: Das Wohlergehen von Kindern und deren Kompetenz- oder Lernentwicklung. Was ich beobachte, ist, dass in der Kita auf das Wohlergehen sehr großen Wert gelegt wird – auf die Lernentwicklung zu wenig. In der Grundschule ist es umgekehrt. Und das ist nicht kindergerecht. Kinder brauchen beides, und zwar immer.
Wie hängt das mit Chancengerechtigkeit zusammen?
Historisch gesehen mussten Eltern diese Widersprüche ausgleichen. Eltern, die viele Kompetenzen und viel Zeit haben, können das, was die Institutionen an Lücken offenlassen, ausgleichen. Aber dann spielt die Herkunft der Kinder eine große Rolle. Wenn wir das Ganze aber kindergerecht gestalten – also so, dass der Übergang in die Schule für die Kinder kein Kulturschock ist und wir keine Lücken lassen, damit in 20 Jahren ein gesunder und kompetenter Mensch vor uns steht –, dann würde auch eher Chancengerechtigkeit verwirklicht werden können.
Viel zu viele Institutionen sind nicht gut genug ausgestattet, wenn man bedenkt: Da findet der Großteil der Kindheit statt.
Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Bildung?
Wir brauchen Investitionen. Denn viel zu viele Institutionen sind nicht gut genug ausgestattet, wenn man bedenkt: Da findet der Großteil der Kindheit statt. Und wir müssen für den Kulturwandel sorgen, nämlich dass sich die Aufgabenteilung zwischen Familie und Bildungsinstitutionen grundlegend und dauerhaft verändert.
Was würden Sie pädagogischen Fach- und Lehrkräften gern mitgeben?
Sie sind es, die einen Kulturwandel in der Bildung anstoßen können. Denn jede Pädagogin, jeder Pädagoge ist enorm wichtig und hat eine Strahlkraft. Wir haben z. B. Grundschulkinder gefragt: 1. Gibt es einen Erwachsenen an deiner Schule, dem du wichtig bist? 2. Glaubt jemand dort an deinen Erfolg? Wenn beide Fragen mit „Ja“ beantwortet werden, sinken viele Risikofaktoren. Leider sagen viele Kinder auch in der 4. Klasse „Nein“.
Wenn wir das ändern, beginnt der Wandel.
Was sind Ihre besten Erinnerungen an Ihre eigene Kita-Zeit?
Die Übernachtung in der Kita. Wann erlebt man das schon mal, dass man mit 14 Kindern in einem Raum übernachtet?
Noch eine Frage zum Thema der aktuellen „Forscht mit!“: Womit bewegen Sie sich am liebsten fort?
Ganz klar: mit dem Skateboard – zumindest früher.