"Ich darf so sein" – Resilienz in der Kita
Freude, Wut, Hunger, Bewegungsdrang – im Kita-Alltag treffen viele Gefühle und Bedürfnisse aufeinander. Nicht nur Erzieher:innen brauchen dafür ein feines Gespür. Auch Kinder müssen lernen, auf ihren Körper zu hören und mit Emotionen umzugehen. Maike Rönnau-Böse, Professorin für Kindheitspädagogik und Expertin für Gesundheitsförderung, erklärt im Interview, wie sich Resilienz von Anfang an stärken lässt.
Was genau verstehen Sie unter Resilienz bei Kindern?
Bei Resilienz geht es um die seelische Widerstandsfähigkeit. Diese hilft uns dabei, schwere Belastungen oder herausfordernde Lebenssituationen gut zu bewältigen. Dabei macht es keinen Unterschied, ob wir von Resilienz bei Kindern oder Erwachsenen sprechen.
Welche Rolle spielt der eigene Körper dabei?
Entscheidend, wie gut ein Kind mit Schwierigkeiten umgeht, ist eine gelingende Selbstwahrnehmung. Diese hat viel mit dem Körper zu tun. Wenn es kleinen Kindern nicht gut geht, klagen sie oft über Bauchweh – denn dort spüren sie das Gefühl von Unwohlsein. Dahinter kann aber mehr stecken: Das Kind kann traurig, gestresst oder müde sein. Wenn Kinder lernen, solche Empfindungen zu benennen, entwickeln sie ein besseres Gespür für sich selbst. Das stärkt wiederum ihre Resilienz.
Wie können Kinder in der Kita lernen, sich besser zu spüren?
Mit Übungen können wir ihre Selbstwahrnehmung stärken. Wir können uns z. B. mit ihnen vor den Spiegel stellen und schauen: Wie sehe ich aus, wenn ich fröhlich oder traurig bin? Was macht mein Körper, wenn mich etwas ekelt?
Gibt es Konflikte unter den Kindern, kann die pädagogische Fachkraft fragen: „Wo fühlst du jetzt deine Wut?“ Oder dem Kind spiegeln, was sie beobachtet: „Deine Augenbrauen gehen richtig zusammen. Sollen wir mal deinen Puls fühlen? Der ist aber hoch!“ Der Kita-Alltag bietet viele Anlässe für Wahrnehmungsübungen. Erzieher:innen sind dabei wichtige Vorbilder.
Inwiefern?
Oft antworten wir auf die Frage „Wie geht es dir heute?“ einfach mit „gut“. Kinder merken, wenn das nicht stimmt. Zum Beispiel, weil unsere Stimme nicht zum Gesichtsausdruck passt. Hier ist es wichtig, zu zeigen: Auch Gefühle wie Angst, Wut oder Traurigkeit haben einen Platz und man darf ehrlich sagen, wenn es einem schlecht geht. Natürlich muss man dem Kind nicht alle Sorgen zumuten. Aber zu sagen, man hat schlecht geschlafen oder fühlt sich unruhig, zeigt Kindern: Das ist erlaubt. Ich darf so sein.
Ein Kind muss spüren: 'Meine Bedürfnisse werden gesehen. Ich bin wichtig'.
Maike Rönnau-Böse, Professorin für Kindheitspädagogik
Was ist noch wichtig, um Resilienz im Kita-Alltag zu fördern?
Am wichtigsten ist eine gute Beziehung zwischen Kindern und pädagogischen Fachkräften. Ein Kind muss spüren: „Meine Bedürfnisse werden gesehen. Ich bin wichtig.“ – auch dann, wenn es wütend oder aggressiv ist. Dafür brauchen Fachkräfte ein feines Gespür, oft sagt der Gesichtsausdruck mehr als Worte. Entscheidend ist außerdem, Kinder nicht zu beschämen oder anzuschreien. Manche tun sich schwerer damit, sich selbst zu regulieren. Da hilft es nicht, zu fordern: „Das musst du jetzt schon können.“ Stattdessen braucht es Geduld und, wo nötig, zusätzliche Unterstützung.
Gar nicht so leicht in einer Gruppe von Kindern mit unterschiedlichen Bedürfnissen oder Energieleveln. Wie stellt man da eine gute Gemeinsamkeit her?
Wichtig ist, die Unterschiedlichkeit in einer Gruppe anzuerkennen. Nicht alle Kinder brauchen zur gleichen Zeit dasselbe – was für die einen schön ist, etwa der Morgenkreis, kann für andere anstrengend sein. Fachkräfte können sich daher fragen: Müssen wirklich alle immer teilnehmen? Manchmal hilft es, Alternativen anzubieten oder Kinder in ihrem Bedürfnis zu sehen: „Ich merke, dir fällt das gerade schwer – magst du dich neben mich setzen?“ Dieses Gesehenwerden entlastet, ohne dass jedes Bedürfnis sofort erfüllt werden muss. Manche Kinder brauchen zudem engere Begleitung, weil sie in Gruppensituationen besonders gefordert sind. Patentrezepte gibt es nicht – aber das Bewusstsein für Vielfalt ist ein wichtiger Schritt.
Resilienz beginnt bei den Fachkräften selbst.
Maike Rönnau-Böse, Expertin für Gesundheitsförderung
Der Kita-Alltag kann auch für Erzieher:innen sehr belastend sein. Wie stärken Pädagog:innen ihre eigene Resilienz?
Genau: Resilienz beginnt bei den Fachkräften selbst. Wenn das Team erschöpft ist oder Konflikte belasten, fehlt die Kraft, Kinder gut zu begleiten. Deshalb ist die eigene Gesundheit zentral – und das Team spielt eine Schlüsselrolle. Studien zeigen: Je besser die Zusammenarbeit, desto höher die Zufriedenheit und desto stabiler die Gesundheit. Wertschätzung, gegenseitige Unterstützung und das Wissen um die Stärken der Kolleg:innen sind entscheidend. Auch für Erwachsene bedeutet Resilienz: sich wirksam erleben – nicht hilflos zu bleiben, sondern aktiv Unterstützung zu suchen, etwa beim Träger oder in der Supervision.
Was stärkt die Widerstandskraft von Kindern?
Kinder werden resilient, wenn sie sich selbst gut wahrnehmen, Probleme lösen und mit Stress umgehen lernen. Auch Selbstwirksamkeit, soziale Kompetenz und Selbstregulation gehören dazu. Entscheidend aber ist eine tragfähige Beziehung: Jemand, der verlässlich, wertschätzend und ermutigend an ihrer Seite steht – ob Eltern, Erzieher:innen oder andere Bezugspersonen.
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