Das Krankenhaus wird digitaler – und bleibt menschlich

Eine weibliche Pflegekraft sitzt am Bett eines Patienten.
© Robert Bosch Krankenhaus /Christoph Schmidt
Die Mensch-zu-Mensch-Interaktion sollte in der Medizin immer der Kern bleiben, findet Prof. Dr. Dominik Alscher.

Werden neue Technologien die Medizin verändern? Und was bedeutet das für die Patient:innen? Darüber haben wir mit Prof. Dr. Mark Dominik Alscher gesprochen. Der Internist ist Geschäftsführer des Bosch Health Campus in Stuttgart, zu dem unter anderem ein Krankenhaus und verschiedene Forschungseinrichtungen gehören. Er sagt, bei allen Veränderungen, die in der Medizin bevorstehen, bleibe die Interaktion von Mensch zu Mensch immer der Kern.

Ein Porträtbild von Prof. Dominik Alscher, Geschäftsführer des Bosch Health Campus
© Fotostudio M42
Prof. Dr. Dominik Alscher, Geschäftsführer des Bosch Health Campus

Wie sehr wird die Medizin der Zukunft von neuen Technologien bestimmt sein?

Ich denke, man muss hier verschiedene Entwicklungen sortieren. Das eine ist die Entwicklung beim Thema künstliche Intelligenz. KI wird aus meiner Sicht eine prägende Rolle in der Medizin der Zukunft spielen. Denn Medizin ist Wissensverarbeitung. Die KI wird die medizinische Vorgeschichte und die akuten Beschwerden einer Person erheben, die Informationen sortieren und Zusammenhänge herstellen. Es ist also denkbar, dass man als Patient:in erst mal mit einem Chatbot in Kontakt kommt. Der erfasst die Probleme und macht dann einer professionellen medizinischen Kraft erste Vorschläge. Ich denke, das ist etwas, was wir schon in naher Zukunft sehen werden.

Und abseits von Digitalisierung und KI?

Es gibt natürlich auch andere komplexe Technologien. Wir erleben jetzt schon, dass OP-Roboter in manchen Bereichen des operativen Geschehens fast nicht mehr wegzudenken sind. Die Roboter gehen anders vor als Menschen und vor allem lernen sie schneller. Und dann gibt es noch das Thema Automatisierung. Wir rechnen in den medizinischen Berufen in den kommenden Jahren mit einem Drittel weniger Fachkräften, weil so viele in Rente gehen. Gleichzeitig wird die Zahl der Patient:innen steigen. Automatisierung bedeutet, dass Roboter beispielsweise Medikamente reichen oder Infusionen mixen. Auch das wird kommen.

Als Patent:in möchte man natürlich auch zukünftig überall eine qualitativ gute Versorgung haben. Und die ermöglicht der Einsatz von Technologien.

Prof. Dr. Mark Dominik Alscher, Geschäftsführer des Bosch Health Campus

Welche Vorteile, aber auch Nachteile bringt das für die Patient:innen?

Das Thema, das die ganze Gesundheitsbranche im Moment massiv beschäftigt, ist die Finanzierung. Unser jetziges System ist zu teuer; dazu kommt der Fachkräftemangel. Das erzwingt eine neue Ausrichtung des Systems, denn als Patient:in möchte man natürlich auch zukünftig überall eine qualitativ gute Versorgung haben. Und die ermöglicht der Einsatz von Technologien. Viele von den angebotenen Lösungen erfordern aber eine gewisse Digitalkompetenz, damit man sich z. B. über die richtige Behandlung informieren und die richtige Praxis oder Klinik dafür finden kann. Gleichzeitig sehen wir, dass – vorsichtig formuliert – die Digitalkompetenz in der Bevölkerung nicht immer gut ist. Es besteht also das Risiko, dass wir Teile der Menschen mit diesen neuen Entwicklungen ausschließen. Da müssen wir vorsichtig sein.

Zwei medizinische Fachkräfte in OP-Kleidung bedienen einen OP-Roboter.
© Robert Bosch Krankenhaus / Christoph Schmidt
OP-Roboter sind schon heute in vielen Kliniken im Einsatz.

Werden Menschen in der medizinischen Versorgung trotzdem immer eine Rolle spielen?

Aus meiner Sicht ist die Medizin einer der Bereiche, in dem die Mensch-zu-Mensch-Interaktion immer der Kern sein sollte. Bei vielen Themen, mit denen die Menschen zu uns kommen, geht es ja auch um Vertrauen, um Sicherheit. Manchmal geht es auch um existenzielle Krisen, die mehrere Facetten haben, also nicht nur körperlicher, sondern auch seelischer Natur sind. Da wird aus meiner Sicht immer der Mensch gefragt sein. Deswegen werden die bisherigen medizinischen Berufe weiterleben, aber vielleicht mit einem anderen Aufgabenschwerpunkt als bisher. Wahrscheinlich wird die Begleitung bei Entscheidungen, der Umgang mit Krankheit, letztendlich die menschliche Interaktion noch prägender werden; die reine Wissensweitergabe könnten digitale Systeme übernehmen.

Was macht aus Ihrer Sicht das Krankenhaus der Zukunft aus?

Das Krankenhaus der Zukunft ist, glaube ich, ein deutlich angenehmerer Ort als heute. Die Struktur von Kliniken hat sich – historisch gesehen – an der von Kasernen orientiert und so sind sie oft gebaut. Ich denke, das wird sich ändern. In Zukunft haben Krankenhäuser vielleicht eher hotelähnliche Strukturen. Ich kann mir vorstellen, dass wir durch die Digitalisierung Patient:innen flüssiger durch das Krankenhaus leiten können, dass die Organisation einfacher wird. Werden z. B. schon vor dem Besuch über ein Patientenportal Dinge abgefragt, fallen Wartezeiten im Krankenhaus weg. Außerdem wird es noch viel mehr ambulante Angebote geben. Also ja, ich glaube, es ändert sich künftig viel in Krankenhäusern.

Das Krankenhaus der Zukunft ist, glaube ich, ein deutlich angenehmerer Ort als heute.

Prof. Dr. Mark Dominik Alscher, Geschäftsführer des Bosch Health Campus

Und in Arztpraxen?

Wir sehen jetzt schon, dass die Einzelpraxis ausstirbt. Wir werden eher sog. Primärversorgungszentren haben, in denen verschiedene medizinische Berufe versammelt sind. In diesen Zentren werden vor allem Themen zur Prävention besprochen und die Mitarbeitenden verschiedener Gesundheitsberufe bilden die Menschen im Quartier fort, um deren Selbstständigkeit zu fördern. Auch da wird es also einen großen Umbruch geben.

Gibt es Krankheiten, die es in Zukunft vielleicht nicht mehr geben wird? Oder die zumindest heilbar sein werden?

Mir fällt als Erstes die Onkologie ein, also die Behandlung von Krebserkrankungen. Ich denke, dass wir dort weiter großartige Fortschritte sehen werden. In vielen anderen Bereichen auch, aber hier wird sich revolutionär viel ändern. Beim Thema Prävention werden wir individualisierte Vorgehensweisen entlang genetischer Profile erleben, aber auch bei der Auswahl von therapeutischen Vorgehensweisen bei chronischen Erkrankungen.

"Forscht mit!" zum Thema "Sag mal Aaah! Gesund in die Zukunft"

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Portrait von Katharina Hanraths
Autor/in: Katharina Hanraths

Als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ist es mein Ziel, dass so viele Menschen wie möglich erfahren, was die Stiftung Kinder forschen macht und anbietet. Nicht einfach nur, weil es mein Job ist, sondern weil ich überzeugt bin, dass gute frühe MINT-Bildung Kindern noch viel mehr bringt als bloßes Wissen über Aggregatzustände und Stromkreise.

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