"Begeisterung ist oft der wichtigste Motor"
Sich bewegen, das Köpfchen trainieren und Spaß haben: Geht das bei Kindern zusammen? Der ehemalige Skirennläufer und mehrfache WM-Medaillengewinner Felix Neureuther zeigt in einem Interview, wie einfach das klappt, und erklärt, wie Bewegung selbst auf kleinem Raum gelingt.
Warum ist Bewegung für Mädchen und Jungen so wichtig?
Bewegung ist der zentrale Baustein für die gesunde Entwicklung von Kindern – geistig, körperlich und sozial. Es ist alarmierend, dass 80 Prozent der Kinder mittlerweile nicht mehr die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation schaffen und sich weniger als 60 Minuten pro Tag bewegen. Deshalb habe ich “Beweg dich schlau! Ein Programm der Felix Neureuther Stiftung” ins Leben gerufen. Der Fokus liegt auf kognitiv-motorischen Inhalten, die neben der reinen Bewegung auch das Gehirn aktivieren. Damit wird die Gehirnentwicklung gefördert und den motorischen Defiziten aufgrund des Bewegungsmangels entgegengewirkt.
Beweg dich schlau! Ein Programm der Felix Neureuther Stiftung
Das 2014 mit der TU München entwickelte und praxiserprobte Bewegungs- und Bildungsprogramm verfolgt das Ziel, Freude an der Bewegung zu vermitteln und den Grundstein für ein gesundheitsorientiertes Leben zu legen. Es fördert durch altersentsprechende Wahrnehmungs- und Bewegungsimpulse die motorische, kognitive sowie emotional-soziale Entwicklung der Kinder.
Zum ProgrammKönnen Sie ein Beispiel dafür geben, wie pädagogische Fachkräfte die Gehirnentwicklung der Mädchen und Jungen durch Bewegung fördern können?
Die pädagogischen Fachkräfte können eine meiner Lieblingsübungen ausprobieren: Dazu wählen sie drei Bewegungen aus, z. B. einen Hampelmann, eine Kniebeuge und einen Einbeinstand. Auf Zuruf sollen die Kinder die Bewegung machen. Die Steigerung ist, die Bewegungen farblich zu benennen. Statt Hampelmann sagen sie also grün, statt Kniebeuge gelb und der Einbeinstand ist rot. Und schon ist neben dem Körper auch das Gehirn gefordert. Es fördert die Aufmerksamkeit, Konzentration und das Erinnerungsvermögen. Und davon haben wir ganz viele Übungen in unserem Programm.
Zahlreiche Einrichtungen haben wenig Platz, wenig Zeit oder große Gruppen. Was sind Ihre drei wichtigsten Tipps, um trotzdem mehr Bewegung im Alltag zu fördern?
Ich glaube, wir müssen Bewegung wieder viel einfacher denken – und vor allem alltagstauglich. Es geht nicht immer um perfekte Bedingungen, sondern darum, einfach anzufangen. Erstens: Bewegung in den Alltag einbauen: Jede kleine Aktivität zählt, etwa kurze Bewegungsspiele zwischendurch oder Treppen statt Aufzug. Bewegung muss kein extra Programmpunkt sein – sie kann überall stattfinden. Zweitens: Kreativ mit dem vorhandenen Raum umgehen, denn auch auf kleinem Raum lässt sich viel machen, z. B. Koordinationsübungen, Balancespiele oder kleine Parcours. Kinder brauchen nicht viel Platz, sondern vor allem Spaß und Abwechslung. Drittens: Vorbild sein und Begeisterung vermitteln, denn Kinder orientieren sich an uns. Wenn wir selbst Freude an Bewegung zeigen und sie aktiv vorleben, steckt das an. Begeisterung ist oft der wichtigste Motor.
"Lasst die Kinder kreativ werden. Sie haben selbst oft die besten Ideen."
Felix Neureuther
Manchen Kindern macht Sport keinen Spaß. Wie können pädagogische Fachkräfte in Kita, Hort und Grundschule Mädchen und Jungen dazu motivieren, sich mit Spaß zu bewegen?
Wichtig ist, die Kinder da abzuholen, wo sie gerade von ihren Fähigkeiten, ihrem Fitnesslevel, ihrer Motorik und Koordination her stehen, und niedrigschwellig anzufangen. Wenn die Kinder nicht überfordert werden, sondern merken, sie können die Übung schaffen, haben sie ein Erfolgserlebnis. Das motiviert. Und: Lasst die Kinder kreativ werden. Sie haben selbst oft die besten Ideen.
Viele Mädchen und Jungen verbringen heutzutage weniger Zeit draußen als früher. Welche Gefahren sehen Sie hier und welche Rolle spielt Bewegung draußen in der Natur für Kinder?
Zum einen ist die Natur eine mentale Kraftquelle. Es tut einfach nicht nur dem Körper, sondern auch dem Kopf gut, achtsam zu sein, frische Luft zu atmen, die Geräusche der Natur zu hören und vor allem auch mit Materialien aus der Natur kreativ zu sein: einen Staudamm zu bauen oder über einen Baumstamm zu balancieren. Zum anderen ist es einfach wichtig, Naturerfahrungen zu machen und die Liebe zur Natur zu entdecken – denn nur, was man liebt und achtet, schützt man auch.
Sie sind ehemaliger Skirennläufer und haben selbst Leistungssport erlebt: Was sollten Mädchen und Jungen im Sport unbedingt erfahren und was sollte vermieden werden?
Die Freude an Bewegung sollte an erster Stelle stehen und nicht der kurzfristige Erfolg. Zu viel Druck und eine zu frühe Spezialisierung sind aus meiner Sicht problematisch. Kinder sollten sich vielseitig bewegen und verschiedene Sportarten kennenlernen dürfen, anstatt sich früh festlegen zu müssen. Wenn der Spaß verloren geht, läuft etwas falsch. Ein gutes Zeichen ist immer: Geht ein Kind noch gern zum Training? Wenn nicht, sollten wir genau hinschauen.
Wenn Sie einem Kind, das heute mit dem Sport beginnt, nur einen Rat mit auf den Weg geben könnten: Welcher wäre das?
Probiere dich aus, hab keine Angst davor, Fehler zu machen, und vergleiche dich nicht ständig mit anderen. Jeder hat seinen eigenen Weg.
Auf die Plätze, fertig, los!: "Forscht mit!" zum Thema "Sport und Bewegung"
Kinder springen, balancieren und rennen für ihr Leben gern. Und weil das Spaß macht und gleichzeitig perfekte Forschungsanlässe bietet, dreht sich in der “Forscht mit!”-Ausgabe 3/2026 alles um Sport und Bewegung. Warum schwitzen wir eigentlich? Wo haben wir uns hilfreiche Ideen aus Technik und Natur abgeschaut? Und weshalb ist Bewegung nicht nur gut für den Körper, sondern auch für unser Gehirn? Die Mädchen und Jungen testen unterschiedliche Bälle und nehmen Sportanzüge unter die Lupe. Sie erkunden zusammen, weshalb zahlreiche Sportarten nur funktionieren, weil es feste Regeln und Abläufe gibt. Wie viele Schützer brauchen sie fürs Inlineskaten? Welche geometrischen Formen sind auf einem Fußball zu finden?
Und weil die Stiftung Kinder forschen ihren 20. Geburtstag feiert, gibt’s ein bisschen Konfetti und noch mehr Freude beim Forschen dazu. Das Heft bietet viele spielerische Forschungsideen für Kita, Hort und Grundschule.